Andreas Maier: Das Zimmer
10.01.2011
Mein Onkel, der Dorfdepp
Mit seinem Romandebüt Wäldchestag wurde Andreas Maier vor zehn Jahren quasi über Nacht berühmt. Auch sein aktueller Roman ist in der hessischen Provinz angesiedelt und beleuchtet mit aberwitziger Fabulierlust allerlei menschliche Abgründe. Das Zimmer ist zugleich Schauplatz und Synonym für eine skurrile deutsche Familiensaga aus den 60er Jahren. Von INGEBORG JAISER
Schlag auf Schlag zoomen wir heran: Deutschland, Hessen, Wetterau, Bad Nauheim, Uhlandstraße, ein Kellerzimmer im Untergeschoß, ein düsterer Darkroom. Dumpfer Silage- und Schweißgeruch schlägt uns entgegen. Mittendrin Onkel J., knapp über 40, doch mit einem Bein noch im Paradies, ein eingebildeter Handwerker und Möchtegern-Mechaniker.
Ein fanatischer Anhänger von Heimat- und Kriegsfilmen, ein notorischer Kneipengänger und schwärmerischer Freund des Waldes, nicht zuletzt das einzige Familienmitglied, das Vögel an ihrem Gesang erkennt. Schlichten Trieben gehorchend, umarmt er gerne Frauen von hinten, würde sich fast noch an der eigenen Mutter vergreifen, bei der er zeitlebens wohnt – doch er ist letztendlich ohne Schuld, ein Depp, ein Kretin, ein Idiot, ein geistig Behinderter, von Anbeginn an, als ihn die Geburtszange unsanft ins Leben geholt hat.
Vollidiot mit Führerschein
Frühzeitig vom Vater verstoßen und von den Mitschülern verdroschen, ist er schmerzhafte Ausgrenzung gewohnt; dabei möchte er nur eines: dazu gehören, Anklang finden, mit seiner tumben Schwärmerei für Luis-Trenker-Filmen, der Bergrettung und jedwedem technischen Gerät. Als Nichtsnutz, Familienkasper und Dorfschluri abgestempelt, lebt er von Sozialhilfe und dem kargen Lohn als Postarbeiter in Frankfurt.
Sein ganzer Stolz ist ein nazibrauner VW Variant Kombi (wer weiß, wie er überhaupt den Führerschein erlangt hat?), mit dem ihn die Verwandtschaft zu ungeliebten Fahr- und Hilfsdiensten drängt. Denn im familieneigenen Steinmetzbetrieb Boll im nahen Friedberg kann man selbst einen geistig Minderbemittelten noch als Handlanger gebrauchen.
Zuneigung und Abneigung liegen nah beisammen
Auch J.s Neffe und Ich-Erzähler schwankt zwischen abgrundtiefem Ekel, ungläubigem Staunen und vagem Mitgefühl. Gerne wird er als Kind halbstundenweise bei dem sonderbaren Onkel geparkt, wenn die Großmutter zum Einkaufen unterwegs ist. Dann schraubt und hämmert und feilt J. an einem imaginären Werkstück herum und kann sich wütend in Rage schreien (ein köchelnder Vulkan), wenn er die erhoffte Aufmerksamkeit vermisst. Schaudernd wendet sich der Neffe ab und wird von zwiespältigem Grusel erfasst. Abneigung und Zuneigung liegen hier nah beisammen.
Wir schreiben 1969, das Jahr der ersten Mondlandung. Es gibt noch keine Mobiltelefone und keine EC-Karten. Während der Arbeit wird noch wie selbstverständlich Alkohol getrunken und geraucht. Die Frauen tragen Kittelschürzen und genügen sich als Hausfrau. Und die Wetterau, die waldreiche Gegend nördlich von Frankfurt, ist noch nicht von Ortsumgehungsstraßen durchpflügt. Eine nostalgische Früher-war-alles-besser-Szenerie?
Provinz ist, wo ich bin
Andreas Maier - wie sein Alter Ego 1967 im mittelhessischen Bad Nauheim geboren - lässt keinen Zweifel daran, dass Ich-Erzähler und Autor in enger Verbindung stehen, wenn nicht gar identisch sind. Seinen Fans dürfte Onkel J. ein guter, alter Bekannter sein, wohl eingeführt durch den ebenfalls bei Suhrkamp erschienen Kolumnenband Onkel J. Heimatkunde. Heimat, Familie und die Wetterau sind immer wiederkehrende, zentrale Themen, die Maier mit messerscharfem Blick seziert, mal augenzwinkernd ironisch, mal boshaft bis sarkastisch. Doch die Beschwörung des Vergangenen bedeutet längst noch keine Glorifizierung. »Vergangenheit heißt für mich nicht, dass es besser war«, gesteht der Autor in einem Presseinterview. »Die Menschen sollten aufhören, immer was zu wollen. Aber sie wollen immer alles neu machen.«
Dass Das Zimmer Teil eines riesigen Roman-Projektes mit insgesamt elf Bänden sei, kann wahlweise als Legende oder geschickt angelegter Marketing-Gag gewertet werden. Warten wir es ab und zoomen so lange zurück, in die Gegenwart, in das eigene Leben. Findet sich nicht auch in unserer Verwandtschaft eine dunkle Stelle, ein obskurer Fall, ein eigenwilliger Onkel J.?


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