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Mario Vargas Llosa: Das Paradies ist anderswo

14.03.2004

Zwei biografische Agonien

Großmutter & Enkel: der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat die Biografien von Flora Tristan, der großen feministischen Sozialistin des 19. Jahrhunderts, und ihres Enkels Paul Gauguin, dem "wilden" Maler der Südseeparadiese, zu seinem Roman Das Paradies ist anderswo verflochten. Exemplarische Lebensläufe auf dem Weg zu Utopien: gesellschaftlich die eine, ästhetisch die andere. Ein spannendes Lese-Abenteuer.

 

Ein Glück, dass Mario Vargas Llosa seinen Doppelroman über die Großmutter Paul Gauguins und deren Enkel geschrieben hat, bevor die Genomdebatte alle Welt infizierte, aufgrund deren zur Zeit jeder Depp vom Walten der Gene in seiner Biografie faselt. Dann hätte womöglich ein Schriftsteller, der up to date sein will, noch in dem europäischen Zivilisationsflüchtling auf Tahiti und den Marquesas-Inseln des Pazifik das aufrührerische "Gen" jener Sozialrevolutionärin "entdeckt", die fünf Jahre vor dem Marx/Engelschen Kommunistischen Manifest eine weltweite Organisation und Solidarität des Proletariats forderte, um der kapitalistischen Barbarei, die sie in Frankreich und Großbritannien aus nächster Nähe beobachtet hatte, Paroli bieten zu können.

Zurück zum Ursprung

Aber weder diesen biologistischen Mythos noch eine solche genomische "Engführung" hat der peruanische Schriftsteller, der schon lange in London lebt, im Sinn gehabt, als er Flora Tristan und Paul Gauguin zum Helden- und Märtyrerpaar seines Romans Das Leben ist anderswo machte. Es gibt drei nahe liegende Gründe für diesen Roman, der - wie z. B. Günter Grass' Ein weites Feld - weitgehend auf vorliegendem biografischen Material beruht.

Der eine: die in Spanien geborene, in Frankreich aufgewachsene Flora Tristan (1803/44) ist die Tochter eines peruanischen Offiziers und einer Französin; und der Maler Paul Gauguin (1848/1903) der Sohn ihrer Tochter Aline, die als einziges ihrer drei Kinder die Kindheit überlebte. Für knapp ein Jahr hielt sich Flora Tristan 1833/34 in Peru auf, worüber sie mit beispielloser Offenheit und Kritik in ihrem auch noch heute lesenswerten Buch Fahrten einer Paria berichtet: ein bewegendes Selbstporträt und ein historisches Dokument ersten Ranges für die Sozialgeschichte Perus. Es ist eben wieder, wenn auch gekürzt, unter dem Titel Meine Reise nach Peru in einem Insel Taschenbuch (mit Anmerkungen und einem Vorwort von Mario Vargas Llosa) greifbar. Darin ist auch der zweite (und intimste) Grund für das Buch zu sehen: in Arequipa, woher die Familie Tristán stammt und wohin Flora reiste, ist Mario Vargas Llosa geboren.

Die Utopien des 19. Jahrhunderts

Der dritte Grund für Vargas Llosas Interesse an den beiden verwandtschaftlich verbundenen historischen Personen ist seine ebenso politische wie literarische Beschäftigung mit den individuellen und kollektiven Utopien des 19.Jahrhunderts. So hatte er sich z. B. in dem 1984 erschienenen Roman Maytas Geschichte mit einem peruanischen trotzkistischen Revolutionär beschäftigt und in dem Geschichtenerzähler von 1987 beschreibt er autobiografisch und fiktiv in zwei Erzählsträngen seine Annäherung an einen peruanischen Indianerstamm im Amazonasdschungel - quasi eine doppelte literarische "Buchführung", welche Gauguins Versuch im jetzigen Buch entspricht, die "Dekadenz" der europäischen Kultur zugunsten einer Rückkehr ins Archaische hinter sich zu lassen. Denn während die Großmutter Flora Tristan an die Aufklärung der Menschheit glaubt, will ihr Enkel Paul Gauguin vor der europäischen Aufklärung flüchten, um wieder ganz und gar als Künstler "ursprünglich" zu werden.

Die Perspektive der Paria

Exemplarisch sind diese beiden Biografien von zwei "Parias". Nur Flora Tristan hat sich selbst so genannt, weil sie durch einen Formfehler der nur kirchlichen Trauung ihrer Eltern für "illegitim" erklärt und erst um das Erbe ihres Vaters gebracht wurde, dann - als die Zweiundzwanzigjährige nach drei Kindern in ihrer vierjährigen Ehe mit dem wesentlich älteren Maler und Graveur André Chazal die Flucht ergriff - sich vor den Nachstellungen ihres Ehemanns verbergen musste, weil die Ehescheidung im nachnapoleonischen Frankreich verboten worden war; und nachdem ihre Reise zum Bruder ihres Vaters in Peru nur eine gnädig gewährte kleine Apanage zur Folge hatte, wurde sie als öffentlich agitierende Frauenrechtlerin, welche die Befreiung der Frauen aus dem Kerker der Ehe sich nur im Zusammenhang mit der Befreiung der ausgebeuteten Arbeiter aus der sozialen Unterdrückung vorstellen konnte, zu einer allseits observierten und verfolgten Revolutionärin in Frankreich.

Flora Tristan war eine "geborene" Paria, Paul Gauguin, der weit gereiste Seemann und höchst erfolgreiche Börsenspekulant, der eine millionenschwere Karriere vor sich hatte, entwickelte sich zum Paria, als er seine erst geheime Leidenschaft für die Malerei im Kreise der Impressionisten und van Goghs, dem "verrückten Holländer", öffentlich machte, seine mehrköpfige Familie verließ und an den Grenzen der europäischen Zivilisation, auf den französisch okkupierten Inseln des Pazifiks, nicht die "frische Morgenluft" suchte, die Goethe noch in Amerika zu ahnen meinte, sondern den Austritt aus der europäischen Welt und Kultur und das Eintauchen in die archaische Welt der Maoris vollziehen wollte (als Syphilitiker und Alkoholiker) - ohne zu erkennen, dass er einem Traum folgte, der am Verbleichen war, nicht zuletzt durch seinesgleichen Europäer, wenn er auch in einem letzten Aufbäumen die "Eingeborenen", denen er sich anpassen wollte, zum Ungehorsam und zu Verweigerung gegen die französischen Behörden aufwiegelte.

Es war die subjektive Utopie der von Grund auf "erneuerten", re-primitivierten Kunst, die Paul Gauguin zum "Paria" machte: "Ursprung ist das Ziel" (Karl Kraus); und es war die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft und einer damit eingelösten Gleichberechtigung der Frauen, welche Flora Tristan ihr Leben lang "Paria" blieben ließ: sie blickte auf eine "Heimat, in der noch keiner war" (Ernst Bloch).

Erinnerungsarbeit für die Leser

In 22 alternierenden Kapiteln blättert Mario Vargas Llosa die beiden Biografien vor dem Leser rückblickend auf: Die vierzigjährige pazifistische Sozialrevolutionärin memoriert, von des Autors Gnaden, auf ihrer letzten großen Propagandareise zur Gründung von Arbeiterräten, zwischen Auxerre und Bordeaux, wo sie stirbt, ihre ganze Lebensvergangenheit; ihr Enkel, der von ihr nichts weiß (obwohl sie einmal zu ihren Lebzeiten eine sowohl bewunderte und geliebte als auch verachtete und gefürchtete Skandalfrau war), wird von Vargas Llosa zwischen 1892, als er das erstemal nach Tahiti reiste, und 1903, als er auf den Marquesas erblindet und mit Morphium vollgepumpt stirbt, zur Erinnerungsarbeit für die Leser angehalten.

Denn der Autor - als "Geist der Erzählung" (Thomas Mann) - , der sowohl "die Andalusierin" als auch den von den Maoris "Koke" genannten Maler immer wieder, wie ein Zeremonienmeister der Memorabilien seiner Märtyrer, persönlich anspricht, hilft ihnen dabei als freundlicher Stichwortgeber auf die Sprünge ins Vergangene. Denn Das Paradies ist anderswo inszeniert (wie im populären Mythos vom Sterben, in dessen Verlauf einem das eigene Leben noch einmal vorm "geistigen Auge" vorüberziehe) die Lebens-, Leidens- und Euphoriemomente der historischen Personen als aufscheinende und wieder verglimmende Bilder in den Agonien der beiden Verwandten - verwandt sind sie sich durch die Leidenschaft zur Utopie, die sich nicht mit dem Vor-Gegebenen abfindet und dagegen revoltiert.

Fokus Eros

Während jedoch die Entwicklung der von Kindheit an "ausgestoßenen" Flora Tristan sich mit einer nahezu schlüssigen Logik der Revolte entfaltet, bleibt Gauguins späte Berufung zum Maler - und als Maler zu seinem Weg ins Exotische - rätselhaft. Auffällig an Vargas Llosas Porträts ist jedoch die zentrale Rolle, welche er dem Eros, genauer: der Sexualität für beide, zuschreibt. Es ist der viehische Gebrauch, den der ältere Ehemann von der jungen Flora macht (und der bis zum Missbrauch ihrer Tochter als jungem Mädchen reichen sollte), der sie zur Flucht aus der Ehe und zum Ekel vor dem sexuellen Akt führt, jedoch ihre ganze Energie in ihre feministisch-sozialistische Haltung verlagert. Immer wieder muss die sehr attraktive Frau sich dem männlichen Begehren entziehen, das sie von ihrer sozialpolitischen Utopie und Aktivität abbringen würde. Selbst das kurze Glück einer sinnlichen Erfüllung mit einer Frau verbietet sie sich, um ihrem Traum von der weiblichen Emanzipation ineins mit der des Proletariats folgen zu können.

Gauguin, der sich seine Syphilis wohl während seines frühen Seemannslebens in Südamerika eingefangen hat, findet seine späte Erfüllung in der noch von keiner christlichen Schuld und Scham angekränkelten Sexualität auf den pazifischen Inseln. Er male mit dem Penis, lässt ihn Vargas Llosa von sich sagen. Mir war diese Selbstzuschreibung allerdings bislang nur von dem sinnenfreudigen Auguste Renoir bekannt, der so weit nicht reisen musste, um unübersehbar mit dem gleichen Pinsel seine erotischen Akte zu malen.

Vielleicht sollte einen der Fokus, den der peruanische Autor aus die Sexualität als unmittelbarstes Glücksversprechen in Das Paradies ist anderswo richtet, nicht allzu sehr verwundern, weil zu seinen letzten Werken die eleganten Erotika Lob der Stiefmutter und Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto gehören, wobei in dem Don Rigoberto der Wiener Großerotiker Egon Schiele nicht nur sprachlich, sondern auch zeichnerisch vorhanden ist - eine Möglichkeit, die vielleicht sogar ursprünglich auch für die Bilder Gauguins, die in dem jüngsten Buch ausführlich besprochen werden, einmal vom Autor in Betracht gezogen worden war. Zumindest verspürt man als Leser oft das Verlangen, Gauguins Bilder zu sehen, so intensiv sie einem auch sprachlich beschworen werden.

Spannendes Patchwork

Obwohl das klappernde Häkelhandwerk des literarischen Routiniers Vargas Llosa nicht selten geräuschvoll ist (und einen verstimmen könnte, weil man dessen Mechanik durchschaut), muss man es ihm doch lassen: Indem er die biografischen Stoffe (vor allem das höchst bewegte und tragische Leben Flora Tristans) gewissermaßen als Patchwork, nämlich a-chronologisch, ausbreitet, zuschneidet und zusammennäht, schafft er es, dass seinem szenischen und referierenden Erzählen nie die Spannung, die Abwechslung und die Überraschungen ausgehen und er damit seine Leser bei der Stange hält, trotz mancher Redundanzen und Wiederholungen.

So wird man nicht nur mit Könnerschaft unterhalten, sondern auch unter der arrangierenden Hand des heute 66-jährigen peruanischen Autors historisch belehrt - vor allem über die sehr berührende Lebenstapferkeit und menschliche Hochherzigkeit Flora Tristans. Es könnte sogar sein, dass manchen der Reader's Digest, den Mario Vargas Llosa in seinem Das Paradies ist anderswo aus ihrem Leben destilliert hat, zu wenig ist. Wenn ein solcher Leser zu ihrem "Originalton" in Meine Reise nach Peru greift, wird er zur Tapferkeit dieser außergewöhnlichsten Frau des 19. Jahrhunderts noch ihrem Mut und ihrem Charme begegnen - und sie wohl kaum wieder vergessen.

Wolfram Schütte


Mario Vargas Llosa: Das Paradies ist anderswo. Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M 2004, 493 Seiten, 24.90 ¤. ISBN 3-518-41600-6

Flora Tristan: Meine Reise nach Peru. Fahrten einer Paria. Aus dem Französischen von Friedrich Wolfzettel. Mit einem Vorwort von Mario Vargas Llosa. Insel-Taschenbuch Nr. 3037. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2004. 493 Seiten, 15 ¤. ISBN: 3-458-34737-2

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