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Andrea Camilleri: Streng vertraulich

21.02.2011

Andrea Camilleri: Streng vertraulich

Was passiert, wenn ein schlitzohriger, dunkelhäutiger Gauner auf einen selbstgefälligen Führer und seine dumm-ergebene Gefolgschaft treffen und das wiederum auf die Fabulierkünste eines Andrea Camilleri? Dann entsteht so eine wunderbar zu lesende, erfrischende, entlarvende Groteske wie Camilleris Streng vertraulich. Von JÖRG ESCHENFELDER

 

Die Geschichte spielt im Herbst 1929 im sizilianischen Vigàta. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass damals der Neffe des äthiopischen Kaisers an der dortigen Bergbauschule studierte und 1932 mit Diplom abschloss. Camilleri setzt am Vorabend der Ankunft 1929 ein. Von da an ist alles Fantasie. Der Neffe kommt mit ausdrücklicher Billigung des italienischen Duce Benito Mussolini nach Vigàta, da der italienische Führer in dem Neffen ein Werkzeug wittert, um seine Expansionspläne in Afrika positiv zu beeinflussen.

 

»Sie behaupten, dass ich das Geld der Gemeinde in die eigene Tasche stecke! Dass ich mir die Auftragsvergabe zahlen lasse! Dass ich die Tochter des Friedhofswärters missbrauche! Ich! Wo ich doch nur die Anständigkeit in Person bin! Faschist bin ich! Nur Gott weiß, wie durch und durch Faschist ich bin!«

 

Der ferne, aufgeblasene Führer

Doch da haben der ferne, aufgeblasene Führer und seine devoten, nicht minder aufgeblasenen, von sich eingenommenen Gefolgsleute die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der Neffe denkt gar nicht daran, sich zum Werkzeug machen zu lassen. Im Gegenteil. Von der ersten Sekunde an spielt er mit den Menschen und deren Leichtgläubigkeit. Er tischt Lügen auf, häuft Schulden an, pflegt mehrere amouröse Verhältnisse und spielt alle gegeneinander aus. Als er dann noch für den Duce einen Lob-Brief über das faschistische Italien schreiben und zu einem Besuch nach Rom kommen soll, versteht er es geschickt, dafür horrende Summen zu fordern – und auch zugesagt zu bekommen.

 

Und immer wieder findet er Mittel und Weg, die Leistung hinauszuzögern und den Preis noch weiter in die Höhe zu treiben. Bis er sich zum Schluss mit dem Geld und seiner Geliebten auf dem Weg zum Führer, aus dem Staub macht. »Wir reden von Geld, Direttore. Und Geld ist weder faschistisch noch kommunistisch, es ist Geld und damit basta!«

 

Camilleris Fabulierkunst ist es zu verdanken, dass dies ein äußerst amüsantes Buch wird. Denn er hat für diese Geschichte die Form einer Aktensammlung gewählt, die die Geschehnisse und Entwicklungen nur indirekt erzählt. Briefe, Dienstanweisungen, Zeitungsartikel, Protokolle und Telegramme erzählen, wie sich die Geschichte entwickelt und an Dynamik gewinnt, was die Personen antreibt, wie sehr sie sich teils aus Dummheit, teils aus blindem Gehorsam, teils aus Duckmäusertum und Gewinnsucht zum Narren machen – und verzweifelt versuchen, dies unter dem Teppich zu halten und die Schuld und Verantwortung von sich zu schieben. Und doch, wird gerade das faschistische Italien ausgerechnet von einem Neger zum Narren gehalten. Eine Posse dokumentiert aus der Sicht der Bürokratie. »Ein Faschist soll und darf niemandem an Manneskraft unterlegen sein! Und schon gar nicht einem Neger! Ich befehle Euch, jeden Tag in den Puff zu gehen, Argento!«

 

Ein köstliches Buch, das locker und leicht zu lesen ist, das von der ersten bis zur letzten Seite Freude macht, köstliche Momente beschert, aber auch nachdenklich stimmt: wie leicht Menschen aus Angst, Karrierestreben oder vorauseilendem Gehorsam den gesunden Menschenverstand abgeben und jede Dummheit mitmachen, wie leicht Menschen aus Gewinnsucht Gaunern auf den Leim gehen. Sei es in der Politik, bei der Geldanlage, in Aufsichtsräten (zum Beispiel von Landesbanken) und so weiter: auf jeder Ebene, in jedem Bereich, in jedem Land. Dumme gibt es überall, auf allen Ebenen, zu allen Zeiten – und das nicht zu knapp.

Oder wie es Camilleri selber ausgedrückt: »Wenn auch die wichtigsten Geschehnisse (...) frei erfunden sind, wahr bleibt dennoch das Klima echter, allgemeiner Dummheit, die halb Farce, halb Tragödie jene Zeit geprägt hat.« – Und das es heute noch gibt, nicht nur im Bunga-Bunga-Land, sondern auch nördlich der Alpen.

 

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