Das Stigma des Mörders
Als Jurist ist Brand – alias Loosli – mit der Prozessführung bestens vertraut und übernimmt überlegen die Verteidigung, seine grandiosen kombinatorischen und rhetorischen Gaben helfen ihm dabei. Nur er ist in der Lage, das Personal des Gerichts, die Abwägungen, die Interessen und auch die möglichen Entscheidungen vorherzusehen und zu kalkulieren. Er kennt die Denkweise seiner Schweizer Mitbürger, die auf Wiederherstellung von Recht und Ordnung pochen. Durch diese präzise Offenlegung des Falles gelingt es ihm auch, den Indizienprozess zu Gunsten seines Mandanten zu gewinnen. Doch ein Freispruch kann Fritz Grädel nicht retten. Der Gefängnisaufenthalt, die verlorene Ehre, die Last des nicht aufgeklärten Mordes sind für den Familienvater und einfachen Bauern Grädel erdrückend. Das Ende ist tragisch.
Looslis Biografie erklärt die Story: Er wird 1877 als uneheliches Kind geboren. Wächst bei einer Pflegemutter auf. Verliert mit elf Jahren beim Spiel mit Munition sein linkes Auge. Kinderheime, Erziehungsanstalten folgen. – Gesellschaftlich also ein klassischer Außenseiter. Dann erfährt er von der Affaire Dreyfus: Er reist nach Paris, lernt Zola kennen, wird danach Gerichtsberichterstatter und später Redakteur bei verschiedenen Zeitungen der Schweiz. Und kämpft für Reformen der Schweizer Rechtsprechung – genau wie »Fürsprech« Brand.
Das Buch besticht durch eine große epische Breite in seinen Beobachtungen der Schweizer Landschaften, des Alltags der Dorfbewohner und der Denkweise des einfachen Volkes – Loosli erinnert dabei an Robert Walser. Mit liebevollem Kolorit zeichnet er das soziale Gefüge, tiefliegend dennoch seine Kritik an Gesellschaft und Behörden. So ist der Bericht des 1959 verstorbenen Loosli zugleich soziales Zeugnis als auch ein Beispiel für einen durch und durch aufgearbeiteten Fall Schweizer Kriminalgeschichte. – Die Fortsetzung dann bei Dürrenmatt. Breit angelegt. Erschütternd.
