Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen
Freitag, 25. Mai 2012 | 17:12

Marc Buhl: Das Paradies des August Engelhardt

11.04.2011

Philosophie der Kokusnuss

Die Geschichte über den Aussteiger Engelhardt verdient es, neu erzählt zu werden. Insbesondere wenn dies auf eine so poetische Weise gelingt wie Marc Buhl in Das Paradies des August Engelhardt. Von MARIA-BERNADETTE EHRENHUBER

 

Wie schon in seinen anderen Romanen hat Marc Buhl auch im vorliegenden Buch eine wahre Geschichte fiktionalisiert. Diesmal hat er sich als Grundlage für seinen poetischen Abenteuerroman das Leben des Nudisten und Vegetariers August Engelhardt ausgesucht.

 

Dieser August Engelhardt ist schon eine spannende Person, er hat Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine sehr schrullige, aber gleichzeitig sehr konsequente Weise Themen gedacht und gelebt, mit denen wir uns heute auch beschäftigen: Vegetarismus und neue Spiritualität. Nur hat August Engelhardt den Vegetarismus viel radikaler formuliert als gegenwärtig zum Beispiel Karen Duve mit Anständig essen (2011) oder Jonathan Safran Foer mit Tiere essen (2010). Und seine neue Religion des Sonnengottes hat er mit so viel Engagement verbreitet, dass er Vorbild für neue spirituelle Bewegungen der Esoterikszene sein könnte.

 

Ein Aussteiger in der Südsee

1902 reiste Engelhardt nach Deutsch-Neuguinea, erwarb eine Kokosplantage und ließ sich dort als einziger Weißer nieder. Er erwarb ein Grundstück auf der Insel Kabakon, ernährte sich ausschließlich von Früchten, dabei vorwiegend von Kokosnüssen, verzichtete auf Kleidung und baute darauf seine Philosophie des Sonnenordens.

 

Dieser Weiße, der da nackt unter einer Palme liegt und schläft, ist für die Eingeborenen eine lächerliche Figur, die ihnen trotzdem so viel Respekt einflößt, dass sie den komischen Nackten unbehelligt lassen. Und als sie dann noch beobachten, wie der seltsame weiße Mann nackt eine Kokospalme raufklettert und sich dabei die Beine wund schürft, löst er bei ihnen Gelächter aus.

 

Die wenigen anderen Weißen im Land sind irritiert von Engelhardt. Sie sitzen lieber mit Sonnenschirm im Schatten und versuchen mühsam den Komfort Europas in dieses heiße Land zu importieren. Der Gouverneur weigert sich zuerst, die vielen Bücherkisten, die Engelhardt mitgebracht hat, rauszugeben. Als Engelhardt die Bücher schließlich doch erhält, baut er sich mit ihnen ein Haus mitten auf der Insel Kabakon. Mit und in den Büchern lebt er. Bücher sind die einzigen Produkte der Zivilisation, die er in seinem neuen Reich akzeptiert. Erst der Missionar Pater Joseph kann ihn überzeugen, mit Ästen und geflochtenen Matten eine Hütte zu bauen, damit wenigstens seine Bücher in der Regenzeit geschützt sind.

 

Zwei Männer lässt August Engelhardt in sein Leben. Einerseits den liebenswerten Pater Joseph, der zwar von der Gottlosigkeit des Nackten irritiert, aber gleichzeitig fasziniert von seiner Wahrhaftigkeit und Liebe zur Natur ist. Andererseits den Musiker Max Lützow, dem leider eine Kokosnuss auf den Kopf fällt und der beinahe an seiner Kopfverletzung stirbt. Viele Wochen wird er von seinem Freund Engelhardt gepflegt, reist dann doch zurück nach Europa und sorgt dort für die Verbreitung der vegetarischen und nudistischen Philosophie. Was zur Folge hat, dass immer mehr Anhänger bei August Engelhardt auf der Insel Kabakon auftauchen und der Grundstein zum Sonnenorden gelegt werden kann.

 

Fiktionalisierte Realitäten

Marc Buhl, geboren 1967, hat viele Reisen nach Afrika und Asien unternommen. Nach Abschluss seiner Studien arbeitete er als freier Journalist und Yogalehrer. Sein erster Roman Der rote Domino erschien 2002.  Dann folgten Rashida oder Der Lauf zu den Quellen des Nils, Das Billardzimmer und Drei Sieben Fünf. In all seinen Roman greift Marc Buhl ein historisches Thema auf, einmal den Briefwechsel zwischen Goethe und Lenz, dann den legendären Langstreckenläufer Mensen Ernst. In den nächsten Büchern reist der Autor nicht ganz so weit zurück, einmal in die Zeit des 2. Weltkrieges, dann in die DDR-Vergangenheit.

 

Gemeinsam ist allen Romanen, dass sie zwar gut recherchiert sind, aber dennoch eher durch literarische Qualität überzeugen als durch historische Detailgenauigkeit. Buhls Sprache ist schlichte Poesie, einfach, klar und bildhaft. Marc Buhl macht aus seinen Stoffen wunderschön-fantastische Bücher, die die Welt neu fabulieren. Denn historische wie literarische Perspektiven haben eines gemeinsam: Sie sind immer nur Lesarten von der Realität.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:
Max Lützow stirbt auf der Fahr ins Krankenhaus, kehrt also nicht nach Europa zurück ^^ ! Mein absolutes Lieblingsbuch :) ! Seeeeeehr zu empfehlen ;) !
| von Bob, 12.01.2012

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...