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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:12

E.L. Doctorow: Homer & Langley

25.04.2011

Ceci n´est pas un livre!

Was ist das Leben? Ist es konservierbar? Können wir die Welt um uns herum mit unseren Sinnen überhaupt erfassen? Können wir unsere Existenz festhalten? Sind wir allein? Was ist, wenn man alles verliert? Was ist, wenn man alles behält? Fragt sich VIOLA STOCKER bei der Lektüre von E.L. Doctorows Homer & Langley.

 

Fast könnte man neben seinen Sinnen ob solcher existenzieller Fragestellungen auch noch seinen Verstand verlieren, wäre da nicht der ungemein sympathische Protagonist Homer, der am Ende seiner Odyssee die Sinne verliert, den Verstand aber behält, während sein Bruder Langley seine Sinne behält, den Verstand aber verliert.

 

E.L. Doctorow hat einen neuen New Yorker Roman basierend auf einer wahren Geschichte geschrieben, dessen bizarre, aber sympathische Struktur nur in dieser Stadt ihren Platz finden konnte.

 

Die Tragik eines bürgerlichen Lebens

Homer und Langley Collyer wachsen als Söhne eines Frauenarztes sehr behütet in der New Yorker Fifth Avenue im bürgerlichen Wohlstand auf. Ihre Eltern geben Soirées, die Intellektuellen der Stadt gehen ein und aus, die Sammelleidenschaft des Vaters scheint unerschöpflich angesichts der Mitbringsel von dessen zahllosen  Reisen. Doch die Tragik der Situation liegt bereits hier begraben. Doctorow zeigt, dass ein derart bourgeoises Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigentlich schon nicht mehr zu halten ist.

 

Die erste Krise im Leben der Brüder bricht herein, als Homer erblindet. Die Brüder meistern das scheinbar mühelos, Homer kann dank seiner musikalischen Begabung am Konservatorium Klavier studieren, Langley nutzt seinen scharfen Verstand zum naturwissenschaftlichen Studium.

Dann aber kommt der Erste Weltkrieg, Langley wird eingezogen und kommt als Invalide aufgrund einer Senfgasvergiftung zurück, die Eltern sterben inzwischen kurz nacheinander. Die Grundfesten einer bürgerlichen Existenz der Collyer – Brüder sind zerstört, Homer verdient sein Zubrot als Klavierbegleitung in einem Stummfilmkino.

 

Doctorow entschlüsselt bereits hier den Aberwitz der Existenz der Brüder, die von nun an gesellschaftlich nonkonform leben, Homer braucht eine Führerin durch den Großstadtdschungel, die er in einer frommen Klavierschülerin findet, die ihm auch als Stichwortgeberin im Stummfilmkino dient.  Langley beginnt sich  zunehmend zurückzuziehen und auf sein Großprojekt – die Herausgabe einer ewig gültigen Zeitung – zu konzentrieren.

 

Von Sammlern zu Freaks und Messies

Homer ist aufgrund seiner Erblindung zunehmend auf seinen Bruder angewiesen, der New York Tag und Nacht durchstreift und ein Sammelsurium von Kuriositäten und Schrott zuhause anhäuft – vom Ford Model T bis zu Fernsehern und natürlich zahllosen Tageszeitungen. Die Brüder schotten sich vermehrt von der Außenwelt ab, vor allem Langley begegnet seiner Umwelt mit Mißtrauen und findet ein diebisches Vergnügen daran, sich mit der öffentlichen Gewalt in allen Bereichen anzulegen – mit Banken, mit der Wasser – und Stromversorgung, mit Polizei und Feuerwehr, wofür er sogar den Aufwand eines zusätzlichen Jurastudiums in Kauf nimmt. Autarkie wird zum Idealzustand von Homer und Langley, die ehemals großbürgerliche Villa jedoch verfällt immer mehr und wird mit Langleys zahllosen Fundstücken zu einem erschreckenden Labyrinth.

 

Der Mitmensch als Bedrohung

Die wenigen  Kontakte, die Homer und Langley zu ihrer Umwelt haben, stellen sich als zunehmend bedrohlich dar: Das noch vorhandene Dienstpersonal stiehlt, die Kneipenfreundschaft mit einem Mafioso endet im Fiasko, Hippies benutzen die Villa als billige Unterkunft und ziehen weiter wie ein Heuschreckenschwarm, Polizei, Gesundheitsamt und Feuerwehr würden das Haus am liebsten konfiszieren, Journalisten wittern Sensationsstories und rauben den Brüdern den Rest an Privatsphäre. Kein Wunder, meint man also, dass die Beiden unabhängiger von der Welt um sich herum werden wollen, dabei aber, wie Doctorow eindrucksvoll beschreibt, letztendlich immer abhängiger voneinander werden.

 

Die wenigen Versuche, ein halbwegs normales Leben zu führen, scheitern. Die Brüder suchen ihre Rettung vor der Vereinsamung bezeichnenderweise immer wieder in Beziehungen zu Frauen, jedoch vergebens. Homer wird vom Dienstmädchen bestohlen und belogen, Langleys Ehe mit einer Feministin scheitert, seine anderen Kontakte zu Frauen bleiben auf einer aggressiven und platonischen Ebene stehen, die Hippiemädchen betrachten Liebe als nicht ernstzunehmende Tatsache. Die  einzige Frau, die beide Brüder verehren, verlässt sie und tritt in ein Kloster ein. Jahre später wird sie als Missionarin Opfer einer tödlichen Vergewaltigung.

 

Am Ende steht die notwendige Katastrophe

Hier ahnt der Leser bereits, worauf Doctorow hinaus will: Niemand kann so leben. Die Autarkie, die Homer und Langley anstrebten, erfordert ihren Tribut in gesteigerter gegenseitiger Abhängigkeit. Und  beide Brüder verlieren im Verlauf ihrer Vereinsamung jeweils das, worauf sie besonders stolz waren: Homer, der Erzähler, der sich als Blinder sicher durch sein Haus und seine Stadt bewegen konnte, verliert im Schrottlabyrinth zuerst seinen Orientierungssinn und schließlich auch noch sein Gehör, die letzte Verbindung zur Kultur. Gefesselt an einen Sessel ist er auf seinen Bruder Langley angewiesen, der ihn mit Nahrung und allem anderen versorgt. Langley seinerseits konnte sich stets auf seinen brillanten Verstand verlassen, doch die Paranoia, die ihn seit den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verfolgt, trübt denselben zunehmend ein.

 

Letztendlich scheitern auch seine  Autarkiebestrebungen, Wasser und Strom selbst bereit zu stellen, und nach dem Eindringen von Feuerwehr und Journalisten beginnt er, das Haus durch zahlreiche Fallen zu sichern. Sein Großprojekt der Herstellung einer ewig gültigen Zeitung ist a priori zum Scheitern verurteilt, die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, des Korea- und Vietnamkriegs verdeutlichen dies.

 

Doctorow lässt die Ereignisse ineinander verfließen, in der Erinnerung Homers verschwimmen Realität und Wahn, Homer schreibt  seiner Memoiren für eine französische Schriftstellerin, deren Existenz er sich nicht einmal sicher ist. Je mehr der Plot ins Schleudern gerät, desto klarer treten die eigentlichen Fragen des Romans zutage. Es sind dies letztendlich neuplatonische Fragestellungen über die Grundlagen unseres Weltbildes. Wie finden wir uns in unserer Umwelt zurecht? Haben wir im Kopf bereits eine fertige Landkarte  unserer Existenz oder sind wir Opfer der Empirie? Wie surreal ist das Leben? Ist das, was wir sehen, das was es ist?


Zum Ende des Romans gehen die Brüder in die innere und äußere Emigration. Man  fragt sich, ob tatsächlich die Vereinsamung als letzte Konsequenz am Lebensende des modernen Menschen steht. Und man fragt sich, ob es für Homer und Langley nicht einen Ausweg gegeben hätte, einen Weg zurück in zufriedene Bürgerlichkeit, vielleicht durch Ehe, Kinder? Im Fall der Collyer-Brüder jedoch darf man froh sein, dass die Realität Doctorow  mit dieser Romanvorlage versorgt hatte. Wären Homer und Langley nicht zu Exzentrikern geworden, dürfte sich das Lesepublikum nicht auf dieses New Yorker Sittengemälde quer durch das 20. Jahrhundert freuen.

 

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