Unglückliche Genies
Aber dieser wohlgemeinte Rat hat offensichtlich kaum Gehör gefunden. Die meisten Frauen lavieren sich ziemlich orientierungs- und ziellos durch die Handlung, immer ein wenig gehetzt und immer irgendwie suchend um der Suche willen. Selbst die erotischen Momente sind von großer Flüchtigkeit und scheinen nur eine Zwischenstation auf der stressigen Dauerreise durch den Alltag zu sein. Ein wenig spiegeln sich auch Mesmer und Maria Theresia von Paradis, die unglücklichen Genies aus Alissa Walsers Erfolgsroman, in den Figuren dieser neuen Textmontage.
»Ich mag das Samtige am männlichen Geschlecht und am Weiblichen das Seidige«, schreibt eine Frau unter der Überschrift »Was ich vermissen werde, wenn ich tot bin« in ihr Notizbuch. Das wirkt zwar ziemlich pathetisch und etwas dick aufgetragen, doch es trifft dieses undefinierbare Sowohl-als-Auch-Gefühl dieses Bandes im Kern.
Bei Alissa Walser scheinen die banalsten Dinge des Alltags miteinander verbunden zu sein – zwischen Brokkoli, Pornokino und Yogakurs setzt sie geheimnisvolle verbindende Klammern, ohne dabei irgendwelchen Regeln der Logik und Stringenz zu folgen.
In Immer ich dominieren die Sehnsüchte nach Bindungen und die daraus gleichzeitig resultierenden Ängste, liebgewonnene Freiheiten verlieren zu können. Aber so sind heute nun einmal viele Menschen: zufrieden und doch ein wenig unglücklich, in einem selbstgewählten Dauer-Remis-Zustand lebend. Ihnen hat Alissa Walser ein kunstvolles Wort-Denkmal gesetzt.

