Don Winslow: Bobby Z
06.06.2011
Aus »Mangel an Impulskontrolle«
Die Bücher von Don Winslow besitzen absolutes Suchtpotenzial – auch das druckfrische Bobby Z. Von DIETMAR JACOBSEN
Die Noten, die Rezensenten Don Winslow geben, bewegen sich zwischen »sehr gut« und »mit Auszeichnung«. Tage der Toten, sein opus magnum, erhielt den Deutschen Krimipreis / International 2011 und führte die KrimiWelt-Jahresbestenliste 2010 an – völlig zurecht. Mit einem Satz: Der Mann kann gar nicht so viel schreiben, wie man hierzulande im Moment von ihm lesen möchte. Also gräbt man jetzt ältere Texte aus. Das ist eine Methode, die leicht nach hinten losgehen kann. Doch Winslows Bobby Z trifft voll ins Schwarze.
Man merkt dem Buch, das Suhrkamp jetzt in einer überarbeiteten Übersetzung von Judith Schwaab auf den Markt gebracht hat, natürlich an, dass sein Autor sich vor 14 Jahren, 1997, noch nicht ganz auf der Höhe seines Könnens befand. Die Abgeklärtheit von Frankie Machine (2006), die Hintergründigkeit der Romane um den Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels, der große Atem, um mit einem Thriller ein Vierteljahrhundert amerikanischer Geschichte zu umspannen wie in Tage der Toten – in Bobby Z sind sie erst ansatzweise vorhanden.
Aber wen stört’s, wenn ein Roman nicht mehr als einen Satz benötigt, um seinen Leser hemmungslos von sich abhängig zu machen. Und die Übersetzerin, die auch für die erste Übertragung ins Deutsche (Blessing 1997) verantwortlich zeichnete, hat das ihre getan, um uns The Death and Life of Bobby Z, wie der Originaltitel lautet, noch schmackhafter zu machen als vor anderthalb Jahrzehnten. Von dem wenig inspirierenden Titel Die Auferstehung des Bobby Z von damals ist zum Beispiel nur noch der Name der Hauptfigur stehen geblieben.
»He´s a real nowhere man ...«
Die heißt eigentlich Robert James Zacharias. Und der ist ein Mythos – Selfmademan im kalifornischen Drogengeschäft, begnadeter Surfer, millionenschwer und geheimnisumwittert. Nur wenige wissen wirklich, wie Bobby Z aussieht. Oder besser: aussah. Denn anscheinend hat er sich in Thailand an einem Deal überhoben und ist irgendwo mitten im Goldenen Dreieck verreckt. Allein er wird gebraucht, denn Agenten der amerikanischen Drogenbehörde DEA möchten ihn gerne gegen einen der Ihren austauschen, den der mexikanische Drogenboss Huertero als Geisel hält.
Hier nun kommt Tim Kearney ins Spiel, ein Kleinkrimineller und Golfkriegsveteran. Der ist wirklich ein Niemand und lässt noch dazu kein Fettnäpfchen aus. Damit ist er in jeder Beziehung das Gegenteil von Bobby Z – nur sieht er ihm fatalerweise sehr ähnlich. Ein paar anständige Klamotten, eine neue Frisur und eine kleine, z-förmige Narbe am Kopf – voilà, der Mythos lebt! Fragt man sich jetzt, warum der Mann so dumm ist, sich auf ein Geschäft einzulassen, dass ihm mit einiger Sicherheit den Kopf kosten wird, lautet die Antwort: Tim Kearney ist eh ein toter Mann – so what! In einem Anfall »mangelnder Impulskontrolle« – man könnte es auch Präventivschlag nennen – hat er im Knast nämlich einen Hell’s Angel getötet. Und da kann der Unterschied zwischen einer 80-prozentigen Chance, als Bobby Z in Freiheit draufzugehen, und einer 100-prozentigen, den nächsten Tag in der Zelle nicht mehr zu erleben, schon beträchtlich sein.
Jede Odyssee braucht ihren Homer
Nach knapp 30 Seiten hat Winslow alles beisammen, was er benötigt, um es auf den restlichen 250 dann so richtig krachen zu lassen. Natürlich geht der Austausch des falschen Bobby Z in die Hose. Und nicht nur das. Denn alsbald wimmelt es im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet nur so von Leuten, die alle ein einziges Ziel verfolgen: Bobby Z alias Tim Kearney zu töten. Da ist die mexikanische Drogenmafia. Da sind ehemalige Verbündete, die auf Bobbys zurückgelassenen Millionen sitzen und auch da sitzen bleiben wollen. Da sind die Kumpane des schwergewichtigen Hell’s Angels.
Und da ist letztlich auch der Polizist, der aus Tim Kearney Bobby Z gemacht hat und dabei, wie sich herausstellt, durchaus eigennützige Ziele verfolgte. Und auf der Gegenseite? Eine schöne, aber nicht ganz ehrliche Frau, ein sechsjähriger Junge auf der Suche nach dem Vater und ein Mann, der sich langsam wieder auf die Fähigkeiten besinnt, die ihn einst in der irakischen Wüste überleben ließen.
Bobby Z ist ein Roman, über dem garantiert niemand einschläft. Winslows Methode, seinen Erzählstoff in kleine Häppchen einzuteilen– auf 282 Seiten bringt er in diesem Buch sage und schreibe 80 Kapitel unter – und diese auf äußerst raffinierte und gekonnte Weise miteinander zu verbinden, verbürgt Hochspannung, auch wenn man das Prinzip schnell durchschaut. Und droht dann wirklich mal ein kleiner Hänger, wartet der Autor einfach mit einer weiteren überraschenden Wendung auf und alles ist wieder im erzählerischen Lot. Am Ende dann verschwindet Tim Kearney auf einem schicken Boot in den Sonnenuntergang hinein, Weib und Kind (wenn auch nicht die eigenen) glücklich an seiner Seite. Und One Way, der Homer des mythischen »Bobby Z«, feilt schon am nächsten Gesang seines Westküstenepos.

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