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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:15

Wolf Wondratschek: Das Geschenk

06.06.2011

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde

Das Geschenk ist männlich, 14 Jahre alt und glänzt durch gespielte Coolness. Ganz wie der Vater zu seiner Zeit. Wolf Wondratschek muss es schließlich wissen. Von INGEBORG JAISER

 

»Chuck, der sein Kind liebt,

das nie zur Welt kommen wird.«

 

Lang, lang ist es her, dass Wolf Wondratschek mit dem Gedichtband Chucks Zimmer einen sensationellen Riesenerfolg landen konnte: mehr als 300.000 Exemplare wurden verkauft, damals in den rebellischen, wilden 70er Jahren. Nun kehrt Chuck zurück, etwas altersweise und abgeklärt, etwas müde und desillusioniert, doch bei Bedarf immer noch wütend die Faust erhebend.

 

Wieder scheitern, besser scheitern

Kein Zweifel, dass in Chuck sehr viel Wolf Wondratschek steckt: Haudegen und Frauenheld, Macho und Boxfan, Aufrührer und Ex-Kokser, Großstadt-Cowboy und Möchtegern-Bohemien. Doch aus dem jungen Wilden ist ein alternder Mann geworden, mit Geldsorgen, schwindendem Haupthaar und urologischen Problemen. »Alles seit je. Nie was andres. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.« Doch manches gelingt auch, ganz unvermutet und ungeplant. Obwohl es niemals zu den großen Lebenszielen zählte.

 

Als Chuck sehr weit unten ist, schier aufgefressen von der Kokainsucht, schon halbherzig einen Entzug im französischen Quiberon planend, reißt er in einer Kneipe ein blutjunges, bildhübsches Mädchen auf. Die Folgen erfährt er irgendwann telefonisch, nach Mitternacht. Hilfloses Entsetzen macht sich breit: »Einen drogensüchtigen Schriftsteller zum Vater zu haben, ist ja nicht gerade das, was man einem Kind wünscht.  Nicht jede Schwangerschaft auf Erden ist eine gute Idee.« Und doch erkennt er Das Geschenk an, nutzt die überraschende Situation, um endlich clean zu werden und den Satz »Ich habe aufgehört« auswendig zu lernen.

 

Trash-Metal versus Deep Purple

Doch was »nun vor Gott, dem Gesetz und dem Finanzamt unwiderruflich eine Tatsache« ist, taugt doch nicht zum Familienleben. Der Sohn wächst bei seiner Mutter auf, Chuck bleibt eher ein ungern gesehener Gast. Als pubertierender Halbwüchsiger verhält sich der Sohn genauso widerborstig, betont cool und desinteressiert wie seinerzeit sein Vater. Man trifft sich, hängt gemeinsam ab und hört Musik (Trash-Metal versus Deep Purple), doch eine rechte Begeisterung will nicht aufkommen. Chucks schwärmerische Passion für das Boxen entlockt dem Sohn nur gelangweiltes Schweigen – und die geschenkte Gitarre bleibt ungenutzt in der Ecke stehen.

 

Das Geschenk könnte ein erhellendes, anrührendes Vaterbuch sein, doch Wondratschek gelingt es nicht, das Leitmotiv vollständig durchzuziehen. Stattdessen driftet er konsequent ab, setzt seinem geschätzten und geachteten Verleger-Freund ein beachtliches  Denkmal (»Man erzählte sich von ihm, dass er, noch bevor er morgens seine Augen aufschlug, schon ein Buch in der Hand hatte«), schiebt eine launig-komische Passage über die »Dressur libidinöser Energien« in einer urologischen Praxis ein, sinniert über Drogen, die Liebe und Donald Duck. Und doch vermag es Wondratschek, mit der Kraft seiner Lyrik eine allumfassende Klammer um diese Erzählung zu legen. Zu Beginn eine melancholische Rückkehr in Chucks Zimmer – als krönender Abschluss ein Vatermord am Sizilianischen Sonntag. Die Schusswunde denken wir uns dazu.

 

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