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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:15

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche

20.06.2011

Vorsicht vor wahr werdenden Wünschen

Eine Geschichte, die als modernes Märchen beginnt und als Dystopie endet: Thomas Glavinic erzählt in seinem 2009 erschienenen Roman Das Leben der Wünsche vielschichtig von menschlichem Begehren, von Wünschen und ihrer Erfüllung und vom Zufall. Der Bestseller des Österreichers ist jetzt als Taschenbuch erhältlich. Von SANDRA FLUHRER

 

Vielschreiber Glavinic – sein aktueller Roman Lisa, eine art makabrer Psychokrimi versetzt mit Kulturkritik ist Anfang 2011 erschienen – stellt dem Leben der Wünsche ein Zitat Roberto Bolaños voran: »dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wieder zu finden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgendetwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon da war.« Auf solchen Wegen darf der Leser von Glavinics Roman dem Protagonisten Jonas folgen, der sich hineinbegibt in das große Ungewisse, auf der Suche nach etwas, von dem er womöglich noch gar nichts weiß.

 

Jonas, ein fünfunddreißigjähriger Werbetexter, trifft auf dem Nachhauseweg von der Arbeit einen seltsam aussehenden, zu Jonas’ großem Schrecken offenbar bestens über ihn informierten Mann, der ihm drei Wünsche erfüllen will. Ganz in weiß gekleidet und ausstaffiert mit Goldkettchen und Sonnenbrille erinnert der Wünscheerfüller eher an ein schlechtes Elvis-Imitat als an eine Märchenfee. Nur widerwillig lässt sich Jonas auf ein Gespräch ein; schließlich siegen aber die Hartnäckigkeit des Unbekannten und Jonas’ Neugier.

 

Jonas ist nämlich alles andere als wunschlos glücklich. Er lebt in einer konfliktreichen aber leidenschaftslosen Ehe mit Helen, mit der er zwei kleine Söhne hat, die viel Kraft und Aufmerksamkeit fordern. Daneben liebt und begehrt er Marie, die wiederum ihren kranken Ehemann nicht verlassen will. Seinem Job als Werber in der Agentur Drei Schwestern steht Jonas beinahe vollständig interesselos gegenüber; die Dekadenz seiner trinkenden und Junk Food vertilgenden Kollegen ermüdet ihn.

 

Stetiges Crescendo

So sprudeln die Wünsche geradezu aus Jonas hervor. Mehr Lebensenergie, mehr Einsicht in den Gang der Dinge wünscht sich Jonas. Er will das Leben und den Tod verstehen, ersehnt sich Größe und Dramatik für sein Leben, nur um schließlich alle Wünsche zu widerrufen und sich »mehr Wünsche« zu wünschen. Alle seine Wünsche, fordert Jonas von dem Mann, sollen sich erfüllen.

 

 

Die durch Jonas’ unvorsichtiges Wünschen versehentlich heraufbeschworenen Entwicklungen – darunter Todesfälle, Wachstumsschübe und unerklärliche Naturphänomene – erschüttern Jonas’ Weltbild zunehmend und werfen existentielle philosophische und religiöse Fragen auf. Glavinic entwickelt diese metaphysischen Krisen als atmosphärische, oft ins alptraumhafte abgleitende Landschaftserlebnisse, teils entwirft er ganz explizit philosophische Debatten im Figurendialog. Dabei gelingt es Glavinic, die kurzen philosophischen Abhandlungen so ungezwungen zu konstruieren, dass sie nicht in den Mund gelegt klingen:

 

»›Ich glaube, dass wir in einer Art Computersimulation leben. Zumindest gefällt mir der Gedanke. Nein, er gefällt mir überhaupt nicht, aber ich finde ihn bemerkenswert.

Das klingt vielversprechend. Und was heißt das?

Dass unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit womöglich falsch sind. Unser Religionsbergriff ist ein Missverständnis, weil er voraussetzt, dass Gott uns ähnlich ist. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube, dass wir Computerchips sind, die nach dem, was wir als Tod bezeichnen, in ein Regal gelegt und bei Bedarf hervorgeholt werden, damit sich wer auch immer den Film unseres Lebens ansehen kann.‹«

 

C... interruptus?

In den narrativen Passagen treibt Glavinics schnelle, schnörkellose Erzählerstimme die Handlung an und macht Das Leben der Wünsche zu einem intensiven und unterhaltsamen Leseerlebnis. Immer wieder erzeugt er unverbrauchte Bilder und vom Realismus bruchlos ins Surreale abgleitende Atmosphären. Einzig die diffizile Darstellung des Geschlechtsakts, an dem sich so mancher Schriftsteller die Zähne ausbeißt, gelingt Glavinic nicht immer ungebrochen. So hätte bei folgender Passage ein wenig Schrankenlosigkeit auch der Erzählerstimme gut getan:»Ihr Becken bäumte sich immer wilder auf. Kurz vor ihrem Höhepunkt glitt er über sie. In ihm fiel eine Schranke, und er ging ein in die Zeitlosigkeit der Träume.«

 

In Jonas’ Sexualleben fällt schließlich noch die ein oder andere weitere Schranke; mit seiner psychologischen Entwicklung werden jedoch auch die Sexbeschreibungen bildlich stimmiger, sodass sich die anfangs etwas holprig dargestellten Liebesakte letztlich vielleicht durch die Dramaturgie des Romans erklären lassen.

 

Vorwerfen kann man Glavinic also höchstens eine gewisse Konstruiertheit seiner Erzählung, doch entwirft er elegant und fast immer auch überzeugend. Wenn am Ende nicht nur Jonas’ Privatleben sondern die ganze Welt mehr und mehr aus den Fugen gerät, ist der Leser zwar an Jonas’ Wünsche erinnert. Die vielschichtigen Entwicklungen und Verflechtungen, in denen diese sich aber erfüllen, erzählt Glavinic so reich an Überraschungen und angenehm offenbleibenden philosophischen Grundfragen, dass man sich nach der Lektüre mehr als nur gut unterhalten fühlt.

 

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