Wenn der Vater mit dem Sohn und seinem Zwergnilpferde ...
Der Autor, der, wie es heißt, einst sowohl Marktforschung als auch Literatur studiert haben soll – eine bizarre Mischung –, nimmt mit einer gehörigen Portion von Schwarzem Humor & satirischer Verve einen Grundzug der männlichen Mentalität seiner lateinamerikanischen Heimat ins Visier. Und zwar von Kind auf: den Machismo, die Gewaltverherrlichung und den Größenwahn.
Der monologisierende mexikanische Oskar Matzerath (denn die geniale Erzähl-Perspektive des Grass´schen Blechtrommlers stand bei Tochtlis monologischen Erzählung Pate), wird von seinem Vater ermahnt: »Reiß dich zusammen, (...), wie ein richtiger Macho.« Und um zu sehen, ob der Sohn der väterlichen Ermahnung folgt, lässt der Vater ihm »einen Herrn mit blutverschmiertem Gesicht« vorführen. »Ich bin ganz ruhig geblieben, während die Wächter in unserem Palast ihm eine fulminante Tracht Prügel verabreicht haben. Wie sich herausstellte, war der Herr eine Schwuchtel, denn er fing an zu heulen und schrie: ›Lasst mich am Leben! Lasst mich am Leben!‹. Er hat sich sogar in die Hose gepinkelt. Das Gute war, dass wenigstens ich mich als Macho erweisen habe und ich gehen durfte, bevor sie die Schwuchtel in eine Leiche verwandelt haben«.
Die Frage, mit wie vielen Schüssen in welchen menschlichen Körperteil der Tod eintritt, ist Gegenstand eines Ratespiels von Vater & Sohn. Weil sein Lehrer das japanische Kaiserreich so toll findet wie sein Zögling die Samurai-Filme, erweitert das Tochtlis Horizont der Tötungsarten um das Schwert & im Geschichtsunterricht erfährt er von der französischen Guillotine.
Es sind aber nicht nur Kopfbedeckungen vom Sombrero bis zum Dreispitz & Mordwerkzeuge aller Arten, die den kleinen Macho manisch beschäftigen. Sein verrückter Wunsch, der Privatmenagerie von Löwen & Tigern, Adlern & Wellensittichen auch noch ein Zwergnilpferd-Pärchen beizugesellen, führt ihn mit seiner väterlichen Bande bis ins afrikanische Liberia – ohne dass der Ausflug ins Ausland sowohl für die Privatjäger als auch für den Roman von Erfolg gekrönt wäre. Erst mit der Rückkehr ins heimische Mexiko bekommt der »fulminante« Mini-Roman wieder satirische Bodenberührung mit einer mörderischen Realität, von deren tödlich getroffenen, hingerichteten oder verschwundenen Opfern wir nicht nur bei Bolano gelesen haben, sondern nahezu täglich Neues aus dem derzeitigen Mexiko in unserer Presse lesen können. Juan Pablo Villalobos´ Fiesta in der Räuberhöhle macht sich einen flamboyanten Reim darauf.
