Eine frohe Botschaft aus der Anstalt
Hinter den Kulissen der psychiatrischen Klinik tobt ein von Walser mit viel Liebe zum Detail (»Ist das ein Unterschied, ob sie Stimmen hört oder so tut, als höre sie welche?«)geschilderter erbarmungsloser Machtkampf zwischen Dr. Bruderhofer und Professor Feinlein um die Krankenhausleitung.
Und Percy betätigt sich in seiner Rolle als Therapeut sogar gleichzeitig noch als biografischer Spurensucher. Er soll einen hoffnungslosen Fall übernehmen, einen Suizid-Patienten, der sich allen Therapieversuchen widersetzt: Ewald Kainz, der einstige Angebetete seiner Mutter, die sich ihrerseits als Ahnenforscherin in eigener Sache betätigt und am Ende ihrem Sohn voller Stolz (»Adel ist eine Wesenserweiterung.«) berichtet, dass die Familie seit 1488 adelig sei.
In der Psychiatrie werden ganz eigene Wahrheitsebenen entdeckt, die geistige Entindividualisierung und mannigfaltige Formen der Selbstauflösung gehören zum Klinikalltag. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen klinischer Psychiatrie und Religion entwickelt sich eine Art geistige Parallelwelt, ein Leben im Konjunktiv. Immer wieder streut Walser brillante aphoristische Splitter in die Handlung ein, die man sich gedanklich einzeln auf der Zunge zergehen lassen muss: »Der unterdrückte Teil in uns ist erst das, was uns zu Menschen macht«, ... »Ich schaue weg, wenn das Leben an mir vorbei geht«, ... »Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.«
Am Ende lässt es Walser dann über Gebühr krachen. Der introvertierte Feinlein muss die Klinikleitung an Dr. Bruderhofer abgeben, weil er sich des Reliquiendiebstahls schuldig gemacht hat. Schlussendlich landet er als Patient in der Klinik, die er jahrzehntelang leitete. Eine aberwitzige Wendung! Aber auch der tugendhafte Percy, eine Art Jesus des frühen 21. Jahrhunderts, gerät auf Abwege. Er lässt sich von einem nationalkonservativen Internet-Zirkel (mit dem Stinkefinger als Wappen) vereinnahmen, und es fallen Schüsse. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Martin Walser hat mit Muttersohn noch einmal völlig neues thematisches Terrain betreten; abseits von den ausgetretenen Leidenspfaden seiner bekannten Mittelstandsprotagonisten hat er eine leicht hagiolatrische, manchmal gespenstisch-rätselhafte Handlungsatmosphäre inszeniert. Auf die Frage, ob er seinen Roman als literarisches Evangelium betrachte, hatte Walser jüngst geantwortet: »Frohe Botschaft, das ist es für mich wirklich geworden.« Also – eine frohe Botschaft aus der Psychiatrie, eine erzählerische Versöhnung von Realität und Wahn, von Alltag und Religion, von Träumen und Neurosen.
