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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:17

John Burnside: Lügen über meinen Vater

05.09.2011

Empfinden und Erkennen der menschlichen Seele

John Burnside schildert in seinem nun auf Deutsch erschienen Roman Lügen über meinen Vater eine ehrliche und hellsichtige Lebensbeschreibung. Mit Mut und Aufrichtigkeit zeichnet er sein eigenes Bild, schaut in den tiefen Abgrund seiner Erinnerungen, in die Niederungen seiner Seele und in das Unscheinbare im Angesicht der Vernunft.

Von SVENJA BRÜCK

 

Der aus Schottland stammende Erzähler John Burnside ist ein Meister der verschlungenen Sätze und deren Pfade zur Entwirrung des eigenen Seelenzustandes. Die Frage nach der eigenen Identität, die mit der Familie ihren Anfang nimmt, schwebt wie eine Schimäre über den Roman. Die Herkunft als Ungewissheit für den eigenen Lebensweg endet in den fantasievollen Erzählungen des Vaters, der im Jahr des großen Generalstreiks im Vereinten Königreich 1926 geboren und als Findelkind von Familie zu Familie gereicht wurde. Um sich die Gewissheit einer Identität zu geben, erfindet er Geschichten, die ihm eine glanzvolle Herkunft bescheinigen, entweder als Adoptivkind einer Unternehmerfamilie, als Fußballprofi oder als geachteter Pilot der Royal Air Force.

 

Die Gratwanderung zwischen Lüge und Wahrheit ist nie offensichtlich, und so kämpft der Vater um Anerkennung und Wertschätzung, allein die Signifikanz seines Lebens bleibt eine einzige Lüge, eine Selbstkostümierung, so sehr er sich auch bemüht, eine eigene Wahrheit zu erschaffen. Die Wahrhaftigkeit dieser Empfindungen stimmen die Saiten seiner Gedanken, in ihnen ist das Weltgebäude des menschlichen Seins und die Erkenntnis, die aus diesen Empfindungen resultiert, lässt ihn zum Alkoholiker und Tyrannen werden, der seiner Frau und seinen Kindern die eigene Bedeutung im Leben aberkennt. Er denkt sich Grausamkeiten aus, subtil oder gar offensichtlich, in dem er seinem Sohn über Jahre hinweg verdeutlicht, wie sehr er wünschte, John sei anstelle der Schwester bei der Geburt gestorben.

 

Geheimnis und Biografie

John Burnside ist in einkommensschwachen Gegenden Schottlands und Englands aufgewachsen, seine Jugend ist geprägt von einer übergroßen Vaterfigur und einer Mutter, die dem nichts entgegenzusetzen hat. Im Gegenteil, sie verfolgt vehement die »Kardinalregel der Kleinstadt«: Immer den Anschein wahren! »Alles blieb im Verborgenen. Die nächtlichen Saufgelage meines Vaters, sein betrunkenes Herumtoben im Haus, meine kindlichen Fantasien von Tod und Erlösung, die Anstrengungen meiner Mutter, die Dinge zusammenzuhalten, all das war ein Geheimnis (…).« Ein Geheimnis, das im Grunde keines ist, jeder weiß in der Kleinstadt über den anderen Bescheid, nur wird nie darüber geredet.

 

Das Reden übernimmt jetzt Burnside mit der Offenbarung seiner Biografie. Ein einziges Mal nur fordert die Mutter den Sohn auf, mitten in der Nacht durch das Fenster zu verschwinden, weil sie Angst hatte, der Vater könne ihrem Sohn gegenüber gewalttätiger werden, als er ohnehin schon war. Der gewaltbereite Vater gegen einen unbedarften Sohn, ein Verhältnis, das irgendwann in einen lustlosen Mordversuch gegen den Vater endet und den Leser betroffen zurücklässt. In diesem Erinnerungsbuch ist der Ich-Erzähler kein moralisch-vernünftiges, normorientiertes Mitglied der Gesellschaft, sondern eingebunden in das Leben seines Vaters, eine Lebensimmanenz der Sinne, die die Freisetzung subjekteigener Kräfte hervorruft.

 

Selbstzerstörung als Reanimation

Man lese das Buch am besten als Fiktion, warnt John Burnside gleich am Anfang des Buches. Aus diesem Wunsch ergibt sich jenes Zusammenspiel aus Wahrheit und Dichtung, dass das Ich empirisches Individuum und tragischer Held einer Geschichte in einer Person ist. Die Tragik seiner Geschichte beleuchtet Burnside in einer klaren und bildmächtigen Sprache, in der er ohne Sentimentalität seinen eigenen Absturz schildert. Er zieht das volle Repertoire der Selbstzerstörung durch, Drogen, Alkohol, Sex, Gewalt. Exzessive Abstürze mit Blackouts von mehreren Tagen, bis er in einer psychiatrischen Klinik wieder erwacht.

 

Dieses Erwachen scheint in ihm eine Wandlung zu vollziehen, denn er findet wieder zu sich selbst, lebt sein eigenes Leben und ist nicht mehr die Adaption des Vaters. Dennoch verurteilt Burnside seinen Vater nicht. Er wirft einen abgeklärten Blick auf den Menschen, der die eigene Lebensgeschichte infrage stellt, reichert sie mit Erfahrungen an und verleiht ihr mit lakonischen Sinnfiguren Plausibilität.

 

Wie wichtig die Herkunft eines jeden Menschen ist, beantwortet dieses Buch mit einem Innewerden der Zeitlichkeit unseres Daseins, der Bedingtheit durch Zufälle und externen Einflüssen. Was bleibt, ist das Wahre, der Zeit Enthobene, schlicht das Resultat von Erinnerungen.

 

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