»War Mitterands Ehre seine Vichy-Treue?«
In einer Betrachtung über »Feindschaft und Freundschaft« erzählt er von einem heftigen Streit mit einem Journalisten, der wie er nach 1968 in Prag zu den Dissidenten gehörte, sich aber über Bohumil Hrabal aufregte, dessen Bücher weiterhin in der von der UdSSR besetzten CSSR erschienen. Kundera, der den damals bekanntesten & beliebtesten tschechischen Autor verteidigte, entwickelt aus dem hasserfüllten Streit der beiden Dissidenten zwei Verhaltenstypologien von Künstlern: die eine, »für die der politische Kampf dem konkreten Leben, der Kunst, dem Denken übergeordnet ist« – und die andere, »für die der Sinn von Politik darin besteht, dem konkreten Leben, der Kunst, dem Denken zu dienen«.
Kundera, der als Schriftsteller im Exil die »unantastbare Einsamkeit eines fremden Fremden« favorisiert, weil er wie seine – gleich ihm – französisch schreibende Kollegin Véra Linhartová im »Anderswo« & jenseits der beiden Sprach-Kulturen zuhause (& allein) ist, hält es im Rückblick auf diesen Streit für das Dümmste, »eine Freundschaft der Politik zu opfern«. Denn wenn »die Zeit des Bilanzierens kommt« (sprich: das Alter), »ist die schmerzhafteste Wunde die der zerbrochenen Freundschaften«. Das ist richtig.
Aber Francois Mitterand, der mit gerichtlich gesuchten Vichy-Vertrauten noch als Staatspräsident insgeheim verkehrte & sie schützte, für »die Treue« zu bewundern, »die er seinen alten Freunden gegenüber bewahrte« und darin »seine Noblesse« zu sehen, dürfte es nicht sein. Nach dem SS-Slogan »Unsere Ehre heißt unsere Treue« haben nicht nur nazistische Kumpane gehandelt.
Die Porträt-Triptychen des englischen Malers Francis Bacon hatte Kundera einmal zu einem riskanten persönlichen Geständnis verführt, in dem sich aber, wie der Schriftsteller mit Stolz erfuhr, Francis Bacon »wiedererkannte«. Die brutalen Gesten des Malers erinnerten Kundera an eine Vergewaltigungsphantasie, deren Opfer seine blutjunge, wegen eines tagelangen Polizeiverhörs seelisch und körperlich zerrüttete Geliebte im Prag von 1972 gewesen wäre. Er wollte in diesem »skandalösen« Augenblick seiner Gewaltphantasie (die er für anthropologisch bedingt hält), zu dem »im tiefsten Innern versteckten Diamanten« der menschlichen »Essenz« des potentiellen Vergewaltigungsopfers vorstoßen. Den gleichen vergewaltigenden Impetus sieht er im Blick des Malers, der gleichsam »mit einer Bewegung der Hand das Gesicht des anderen in der Hoffnung zerdrückt«, um »darin und dahinter etwas Verstecktes zu finden«.
Das malerische Oeuvre Bacons hat den Schriftsteller aber auch »auf die Zufälligkeit des menschlichen Körpers« verwiesen, wie das musikalische Werk von Iannis Xenakis, das Kundera in seinen letzten verzweifelten Jahren während der russischen Okkupation der CSSR kennen & schätzen gelernt hatte, ihn mit »der Unentrinnbarkeit der Endlichkeit« versöhnt hatte.
Indem der ausgepichteste moderne Theoretiker der erzählend-reflektierenden Prosa einige Romane »als existentielle Sonden« gebraucht, um sich über die menschliche Situation in der Welt klar zu werden, entdeckt er z.B. in Dostojevskis Idioten die »komische Abwesenheit des Komischen«, in Célines Bemerkungen über einen sterbenden Hund die »existentielle Eitelkeit des Menschen noch im Angesicht des Todes« oder im Intellektualismus von Philip Roths Literaturprofessoren und Schriftstellern, die sich mit Tschechow oder Kafka beschäftigen, keine eitle Selbstbespiegelung des Literaten, sondern die Notwendigkeit – angesichts der rasant beschleunigten Geschichte öffentlich gewordener Sexualität – »die vergangene Zeit am Horizont des Romans zu bewahren und die Figuren nicht der Leere zu überlassen, wo die Stimme der Vorfahren nicht mehr hörbar ist«.