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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:17

Milan Kundera: Eine Begegnung

22.08.2011

Rabelais & Surrealismus
oder
Der schlaue Fuchs

Milan Kundera hat mehr als Eine Begegnung. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Das jüngste auf Deutsch publizierte & von Uli Aumüller übersetzte Buch des heute 82jährigen Milan Kundera trägt wie alle seine Romane & Essays einen  lakonischen Titel. Es heißt Eine Begegnung, handelt jedoch von deren Pluralisierung. Es sind wohl zu verschiedenen Zeiten geschriebene opuscula, in denen der seit  1975 in Frankreich & seit 1978 in Paris lebende Autor seine »Reflexionen« mit seinen »Erinnerungen«, seine alten existentiellen und ästhetischen Themen mit seinen alten Vorlieben für Rabelais, Janácek, Fellini, Malaparte einander begegnen ließ.

 

Es sind kleine Essays in Form von durchnummerierten Traktaten oder im Laufe der Zeit mit Zusätzen versehene Fortsetzungen ursprünglicher Notate, Statements & Nebenbemerkungen, die jedoch alle bislang keinen Platz in der Sammlung seiner Werke gefunden hatten. Nun aber.

 

Für die deutschsprachigen Kenner & Liebhaber des Tschechen, der heute (& seit langem schon) Französisch schreibt – was angesichts seiner großen Liebe für Rabelais & Diderot & für die weitreichende ästhetische Initialzündung des (Bretonschen) Surrealismus, auf den Eine Begegnung immer wieder verweist, nahezu logisch erscheint – dürften dieses Hippodrom Kunderascher Steckenpferde kaum Neues bieten; gleichwohl will man natürlich alles von dem geschätzten Autor gelesen haben wollen.

 

Manchmal blitzen dabei überraschende Bekenntnisse oder Thesen auf – z.B., wenn in seiner einlässlich & neugierig machenden Hommage an das erstaunliche Genie des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte und dessen einstige Skandalbücher Kaputt & Die Haut Milan Kundera eine eigenwillige Geschichtskoinzidenz erwähnt.

 

Europa, behauptet er dort, sei nach seiner Gesamtniederlage am Ende des 2.Weltkriegs einerseits von den USA, andererseits von der UdSSR »befreit und besetzt« worden. Kein Land im Europa vom Atlantik bis zum Baltikum habe sich (trotz Partisanen) »aus eigener Kraft befreit«. Dann korrigiert er sich: »Keines? Doch. Jugoslawien. Durch seine eigene Partisanenarmee. Deswegen mussten serbische Städte 1999 wochenlang bombardiert werden: um nachträglich auch diesem Teil Europas den Status des Besiegten aufzudrücken«. Das klingt nach Geschichtsmetaphysik.

 

»War Mitterands Ehre seine Vichy-Treue?«

In einer Betrachtung über »Feindschaft und Freundschaft« erzählt er von einem heftigen Streit mit einem Journalisten, der wie er nach 1968 in Prag zu den Dissidenten gehörte, sich aber über Bohumil Hrabal aufregte, dessen Bücher weiterhin in der von der UdSSR besetzten CSSR erschienen. Kundera, der den damals bekanntesten & beliebtesten tschechischen Autor verteidigte, entwickelt aus dem hasserfüllten Streit der beiden Dissidenten zwei Verhaltenstypologien von Künstlern: die eine, »für die der politische Kampf dem konkreten Leben, der Kunst, dem Denken übergeordnet ist« – und die andere, »für die der Sinn von Politik darin besteht, dem konkreten Leben, der Kunst, dem Denken zu dienen«. 

 

Kundera, der als Schriftsteller im Exil die »unantastbare Einsamkeit eines fremden Fremden« favorisiert, weil er wie seine – gleich ihm – französisch schreibende Kollegin Véra Linhartová im »Anderswo« &  jenseits der beiden Sprach-Kulturen zuhause (& allein) ist, hält es im Rückblick auf diesen Streit für das Dümmste, »eine Freundschaft der Politik zu opfern«. Denn wenn »die Zeit des Bilanzierens kommt« (sprich: das Alter), »ist die schmerzhafteste Wunde die der zerbrochenen Freundschaften«. Das ist richtig.

 

Aber Francois Mitterand, der mit gerichtlich gesuchten Vichy-Vertrauten noch als Staatspräsident insgeheim verkehrte & sie schützte, für »die Treue« zu bewundern, »die er seinen alten Freunden gegenüber bewahrte« und darin »seine Noblesse« zu sehen, dürfte es nicht sein. Nach dem SS-Slogan »Unsere Ehre heißt unsere Treue« haben nicht nur nazistische Kumpane gehandelt.

 

Die Porträt-Triptychen des englischen Malers Francis Bacon hatte Kundera einmal zu einem riskanten persönlichen Geständnis verführt, in dem sich aber, wie der Schriftsteller mit Stolz erfuhr, Francis Bacon »wiedererkannte«. Die brutalen Gesten des Malers erinnerten Kundera an eine Vergewaltigungsphantasie, deren Opfer seine blutjunge, wegen eines tagelangen Polizeiverhörs seelisch und körperlich zerrüttete Geliebte im Prag von 1972 gewesen wäre. Er wollte in diesem »skandalösen« Augenblick seiner Gewaltphantasie (die er für anthropologisch bedingt hält), zu dem »im tiefsten Innern versteckten Diamanten« der menschlichen »Essenz« des potentiellen Vergewaltigungsopfers vorstoßen. Den gleichen vergewaltigenden Impetus sieht er im Blick des Malers, der gleichsam »mit einer Bewegung der Hand das Gesicht des anderen in der Hoffnung zerdrückt«, um »darin und dahinter etwas Verstecktes zu finden«.

 

Das malerische Oeuvre Bacons hat den Schriftsteller aber auch »auf die Zufälligkeit des menschlichen Körpers« verwiesen, wie das musikalische Werk von Iannis Xenakis, das Kundera in seinen letzten verzweifelten Jahren während der russischen Okkupation der CSSR kennen & schätzen gelernt hatte, ihn mit »der Unentrinnbarkeit der Endlichkeit« versöhnt hatte.

 

Indem der ausgepichteste moderne Theoretiker der erzählend-reflektierenden Prosa einige Romane »als existentielle Sonden« gebraucht, um sich über die menschliche Situation in der Welt klar zu werden, entdeckt  er z.B. in  Dostojevskis Idioten die »komische Abwesenheit des Komischen«, in Célines Bemerkungen über einen sterbenden Hund die »existentielle Eitelkeit des Menschen noch im Angesicht des Todes« oder im Intellektualismus von Philip Roths Literaturprofessoren und Schriftstellern, die sich mit Tschechow oder Kafka beschäftigen, keine eitle Selbstbespiegelung des Literaten, sondern die Notwendigkeit – angesichts der rasant beschleunigten Geschichte öffentlich gewordener Sexualität – »die vergangene Zeit am Horizont des Romans zu bewahren und die Figuren nicht der Leere zu überlassen, wo die Stimme der Vorfahren nicht mehr hörbar ist«.

 

Nachhaltige Wirkung André Bretons in der Karibik

Diese an »Professor der Begierde« gewonnene Einsicht in die Kontrastdialektik des amerikanischen Erzählers weicht jedoch in Roths Spätwerk seiner Kurzromane die trostlose Torschluss-Panik angesichts der umfassenden Sinnlosigkeit & Zufälligkeit des Lebens. Es wäre nicht ohne Reiz & Erkenntnisgewinn, einmal zu betrachten, wie die beiden erotischen Schwerenöter mit der ihnen gemeinsamen existentiellen Herausforderung als alten Männern literarisch umgehen.

 

Die beiden längsten Traktat-Essays des vielgliedrigen Bandes umspielen auf je eigene Art den Cantus Firmus der Kunderaschen Weltbetrachtung: den Surrealismus & den Roman. Das von Kundera favorisierte epische Erzähl- & Reflexionsgenre par excellence war allerdings im klassischen Bretonschen Surrealismus, der auf den augenblicklichen, sprach-bildlichen Choc zielte, nicht hoch angesehen. Aragon, einer der frühesten & größten lyrischen Surrealisten, habe nach Kunderas Mutmaßung nicht aus politischen Gründen mit Bretons Surrealistischer Bewegung gebrochen, sondern weil er als (später) Romancier (Die Karwoche, Die Glocken von Basel) sich dort nicht mehr zuhause fühlte.

 

Als der zu seinen Lebzeiten hoch geachtete Anatole France starb, war der Trauerzug (wie bei Sartres Tod) mehrere Kilometer lang. Aber den Surrealisten, die den Autor satirisch-humoristischer Romane wie Die Küche der Königin Padauque oder Die Götter dürsten öffentlich schmähten und der aristokratische Paul Valéry, der den Platz von France in der »Académie francaise« einnahm und seinen Vorgänger mit Verachtung strafte, ist es binnen kurzem gelungen, den populären Anatole France zur Persona non grata in der französischen Kultur zu machen. In seinem Divertimento für Anatole France beschäftigt sich Kundera mit dem Phänomen der kulturellen »Schwarzen Listen« und schreibt eine kleine Ehrenrettung des verachteten Aufklärers & Ironikers, der in seinen Augen »die unerträglich dramatische (Welt-)Geschichte mit dem unerträglich banalen Alltäglichen« konfrontierte.

 

»Schön, wie eine mehrfache Begegnung« nennt Kundera jedoch einen zwischen persönlicher Erinnerung & literaturhistorischer Reflexion prächtig schillernden Essay über die nachhaltige Rolle, die ein zweimaliger Aufenthalt André Bretons auf der französischen Karibik-Insel Martinique und in Port-au-Prince in Haiti für die Entwicklung der karibisch-frankophonen Literatur (& Malerei) hatte: von Aimé Césaire über Alexis & Depestre bis zu Chamoiseau – und den Maler Breleur, mit dem Kundera befreundet ist. In der »wunderbaren Wirklichkeit« der kreolischen Literatur (und der spracherfinderischen Kapriolen, die sich einige Autoren aus Martinique mit dem Französischen erlauben) sieht Kundera den von ihm so geliebten »karnevalistischen« (Bachtin) Orgiastiker Rabelais an karibischem Ort fortgesetzt.

 

Zu Milan Kunderas Begeisterung für das Hybride, & Surreale passt gut sein Geständnis, dass er den für Franzosen heute schwer zu lesenden Rabelais nur aus einer tschechischen Übersetzung der Zwanziger Jahre kennt, die ihrerseits ein sprachliches Kunstwerk sein müsste. Es war womöglich diese frühe Begegnung mit einem literarischen Kosmos, der über Kunderas intellektuelle Entwicklung & seine Hinwendung zur französischen Kultur & Sprache entschieden hat.

 

Gleichwohl sind die zwei Beiträge über seine »erste Liebe« (nämlich den grandiosen Komponisten Leos Janácek) die schönsten des Buches. Besonders, was er über die »nostalgischste aller Opern« (Das schlaue Füchslein) schreibt, ist von herzergreifender Wärme. Da trifft man auf eine emotionale Erhitzung, die dem kühlen Kopf Milan Kundera in seinen Romanen wie in seinen Essays sonst so gut wie fremd ist.

 

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