Im hinterlassenen Augiasstall eines verendeten Alkoholikers
Dichter ist dagegen der zweite Teil von Sterben. Was nicht verwunderlich ist, weil wir hier die beiden Brüder dabei sehen, wie sie den Augiasstall des großelterlichen Hauses tagelang ausmisten. Denn der Vater hatte, immer tiefer in seinem Suff versinkend, ohne dass seine inkontinente Mutter ihn daran hinderte, das Haus & seine Zimmer mit Bier-, Wein- & Schnapsflaschen vollgestellt, schmutzige Kleidung aufeinandergehäuft, Sessel & Sofas mit Kot verschmiert, sodass das Haus infernalisch stank & vor Schmutz starrte, als seine beiden Söhne es erstmals seit ihrer Kindheit wieder betraten und darin die einstmals geliebte, nun abgemagerte, von einer Ammoniakwolke begleitete Großmutter aus dem allgegenwärtigen Müll schälten.
Parallel zu den fortlaufenden Entrümpelungen des Hauses überblendet der Autor immer wieder in die mit den Großeltern, ihrem Haus & dessen unterschiedlichen Zimmern verbundenen Erinnerungen an seine Kindheit & Jugend. Dabei gesteht er auch, dass sein Bruder Yngve, der immer verbindlicher, »weicher« war als er, bis heute von der Großmutter mehr geliebt wird als Karl Ove.
Es ist deshalb auch Yngve, der Großmutters stereotypische Fragen an die beiden, ob sie sich denn nach der täglichen Ausmistung im Haus »ein Gläschen gönnten«, als versteckte Bitte versteht, die nach ihres Vaters, resp. Ihres Sohnes Tod alkoholisch Ausgetrocknete unter der Beteiligung ihrer Enkel wieder mit etwas »Lebenswasser« zu beglücken. Daraus ergibt sich eine atmosphärisch dicht beschworene abendliche Wodka-Ménage à trois am Küchentisch.
Karl Ove, der oft weint, wenn er an den Vater & sein grauenhaftes Ende denkt, hat zugleich aber Angst, der Vater könne zurückkehren. Einen Moment lang, als sie ankamen, waren sich die beiden Söhne gar nicht sicher, ob er nicht doch noch irgendwo lebend in einem Krankenhaus liege. Erst als sie seine hässlich aufgedunsene Leiche sehen konnten, waren sie über seinen Tod sicher - obwohl bis zuletzt ungeklärt bleibt, woher seine gebrochene Nase und die Hautabschürfungen stammen, wenn er doch, wie seine Mutter behauptet, in einem Sessel sitzend vom Tod ereilt wurde.
Karl Ove hat es sich in den Kopf gesetzt, dass die Feier nach der Beerdigung im gründlich gesäuberten Sterbehaus stattfinden solle. Er bleibt allein mit seiner Großmutter zurück, als sein Bruder für ein paar Tage bis zur Beerdingung nachhause zu seiner Familie gefahren ist. Als der Autor sich nachts im Parterre in einem noch nicht von den Brüdern ausgeräumten Zimmer, das übersät mit den in ihm zerstreuten Wäsche-, Schmuck- und Toilettestücken seiner Großmutter, aufs Bett wirft, wird er nachts von Schritten hinter der Zimmertür wach. Wieder ist sein erster Gedanke, der Vater sei zurückgekehrt. Als er Licht macht, die Treppe in den ersten Stock hinaufsteigt, entdeckte er zuletzt die Großmutter, die am Fenster steht und flüsternd in den Garten blickt. Wie unter Trance geht sie an ihm vorbei. Er aber, der sich in dem Haus des Todes ängstigt, lässt sich am nächsten Tag noch einmal im Bestattungsraum die Leiche des Vaters zeigen.
Nun sieht er das Leblose an seines Vaters Leiche & erkennt beruhigt, »dass es nun keinen Unterschied mehr zwischen dem gab, was einmal mein Vater gewesen war, und dem Tisch, auf dem er lag, oder dem Fußboden, auf dem der Tisch stand (...), und dass der Mensch nur eine Form unter anderen Formen (ist), die von der Welt immer und immer wieder hervorgebracht werden«. So verliert auch der Tod »als wichtigste Größe im Leben« für ihn seine Anziehungskraft: »Der Tod«, so endet der Roman Sterben von Karl Ove Knausgard, »war nicht mehr als ein Rohr, das platzt, ein Ast, der im Wind bricht, eine Jacke, die von einem Kleiderbügel rutscht und zu Boden fällt«.
Ein wenig verwundert fragt man sich nach der Lektüre von Sterben, was denn so skandalös an dem Romanprojekt sein soll. Freilich bleibt dieser erste Teil im familiären Rahmen und der Autor entfernt sich durch seine souveräne Handhabung erzählerischer Mittel des Romans weit von der ursprünglichen Befürchtung einer naturalistischen Reportage ad se ipsum.
Sterben ist ein gelungener autobiographischer Roman. Nicht mehr, nicht weniger, nichts sonst. Der nächste Teil seines sechsteiligen Projekts – das, nebenbei gesagt, auch ein logistischer Schachzug des Autors sein könnte, seine Leser durch Intimität seriell an sich zu binden – wird von Luchterhand schon für das Frühjahr 2012 angekündigt. Es heißt (uns) Lieben.
