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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:19

Charlotte Roche: Schoßgebete

30.08.2011

Literarische Afterwelt

Missmutige Gedanken zur Rezeption von Charlotte Roches neuem Produkt. Von THOR KUNKEL

 

»Weißt du eigentlich, wie radikal Charlotte Roches Literatur ist?«, fragte mich einmal der Roche-Verleger Marcel Hartges in einer Mail. Ich muss sagen, ich weiß es nicht. Auch nicht nach der an Selbstverstümmelung grenzenden Lektüre von Schoßgebete. Sicher, die literarisch verbrämte Reise von Körperöffnung zu Körperöffnung geht weiter. Die Jagd nach Unappetitlichkeiten führt die Autorin diesmal sogar in ihren eigenen von Würmern bevölkerten Stuhlgang. Das ist in der Tat radikal.

 

Noch radikaler vielleicht sind die vielen wohlwollenden und distanzlosen Rezeptionen der Mietschreiberinnen des Feuilletons. Man möchte ausrufen: Eine junge, emanzipierte Generation von Flakhelferinnen kann nicht irren! Selbst Thomas Steinfeld von der Süddeutschen, scheint vergessen zu haben, dass er eine ganz dünne Wortsuppe nach literarischen Kriterien rezensiert, also so tut, als gäbe es hier Substanz zu entdecken. Die Quintessenz des Romans sei, »das Glück liege zwischen den Beinen«. Halleluja. Das ist also die ebenso radikale wie weltbewegende Nachricht, die vor allem Steinfelds beschämendes Manko an Allgemeinbildung offenbart. »Hier wohnt das Glück«, so lautete schon eine Bordellinschrift in Pompeji. Ein Weilchen her. Und wurde das nicht längst widerlegt? Literarisch und biologisch? Hat Steinfeld, der sonst so spitzfindig austeilt, nie George Bataille oder Henry Miller gelesen? Selbst der theoretische Überbau von Michel Houllebeques Plattform wurde von Roche aufs Gröbste verwurstet, wie kann man das übersehen? Vielleicht aus Angst vor den bestens vernetzten Power-Emanzen, die auch an seinem Stuhl sägen?

 

Zugegeben, die gelernte VIVA-Moderatorin geht geschickter als Helene Hegemann vor, doch die Art, wie hier zusammengeklaubt wird, ist dieselbe. Und bestohlen wurde kein Blogger, sondern die Literatur. Erneut wird deutlich, dass im deutschen Literaturbetrieb zweierlei Maßstäbe angelegt werden: Wer zum Kanon der linksfeudalen Kulturhegemonie zählt, bekommt von selbstredend Carte Blanche.

 

Der senile, von Identitätskrisen gebeutelte SPIEGEL hat Roche gerade eine Strecke von fünf Seiten gewidmet. Was gefeiert wird, ist das dauer-destruktive Anspruchsverhalten einer Feministin gegenüber den als obszön dekuvrierten Männern. Diese Botschaft passt natürlich exakt auf die literaturpolitische Agenda des Blatts. Dass Roche wie eine Klippschülerin schreibt, und dass es nicht angehen kann, mit dem Vokabular einer geistig unterbelichteten Nutte die menschliche Existenz und die Welt zu erklären, fällt niemandem auf. Damit der Abverkauf stimmt, werden die potentiellen Leser/innen sogar durch falsche Inhaltsangaben gelockt. Nur ein Beispiel: Die Kritikerin Verena Aufermann verstieg sich zu der Behauptung Roches reaktionäres Garn »handele von der Anstrengung ein Ehe- und Familienleben in unserer Zeit hinzubekommen«. Klingt gut, ist aber Bullshit, und wäre das erste Mal, dass sich aus der Befriedigung voyeuristischer Interessen ein Rettungspaket für Problem-Ehen schneidern ließe!

 

»Die Poesie ist tot, es herrscht allein die Industrie«

Müsste ich den Inhalt dieses Machwerks in Kürze umreißen, dann so: Eine neurotische, in den Tag hinein lebende Frau wird durch einen Unfall mit der Wirklichkeit konfrontiert. Statt zu trauern, sinnt die Primitivst-Materialistin auf Rache an einem »Druck«-Zeitung genannten Medium und lindert ihre narzistische Kränkung in der Zwischenzeit mit der seelischen Wundsalbe Pornografie. (Wobei sie sich etwas Realeres gönnt als die digitalen Schmutzhäppchen, die das Internet der breiten Masse gratis serviert.) Lesefrüchte aus den Gärten von Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Otto Mühl werden mit asbachuralten Intim-Reportagen aus Cosmopolitan munter verquickt. Ihren Alten schleppt die Protagonistin schließlich in einen Puff. Angeblich um die Ehe zu retten! (Bernd Eichingers Bordell-Bekenntnisse von 2003 standen hier Pate.) Ist man endlich durch, glaubt man eine besonders fette und unappetitliche BILD-Zeitung gelesen zu haben. Roches Hass auf dieselbe hat vielleicht damit zu tun, dass sie sich in der Zeitung wiedererkennt – inhaltlich und stilistisch. Auch diese bis in Wortwahl und Satzbau hineinreichende Ähnlichkeit wurde von den Feuilletonisten bislang übersehen. Warum? Weil es sich nicht schickt das sprachliche Gebrechen einer feministischen Ikone mit dem Analphabeten-Jargon von BILD zu vergleichen?

 

Nun leben wir in einer Zeit, in der die Bestsellerlisten von unsäglichstem Schrott angeführt werden. Warum sollte Roches kalkulierter Beschub also missglücken? Die Vorrausetzungen zum Erfolg waren bereits 1848 gegeben. Da hatte sich Théophile Gautier lakonisch notiert: »Die Poesie ist tot, es herrscht allein die Industrie; die höheren Instinkte verlöschen, die Seele verflüchtigt sich, die Schönheit verschwindet, nur die Bedürfnisse sprechen.«

 

Man muss Roches infantiles Geschreibsel (das wäre Ihr Stichwort gewesen, Herr Steinfeld!) nicht lesen, aber man sollte wissen, dass es den Leuten als Offenbarung angedreht wird. Und nicht Roches Name sollte man sich merken, sondern die Namen derer, die einen ästhetisch misslungenen und überflüssigen Textbrei aus literaturpolitischen Gründen gerade zum Bestseller machen.

 

 

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Dieser Verriss Kunkels ist gerecht und er liegt richtig: Nicht die einfältige Pornomaus ist der Skandal, sondern die Kritik. Sie ist seicht und ahnungslos und stellt einen Missbrauch dar. Eine Wettbewerbsverzerrung, sie ist ein Etikettenschwindel und gehört zur Verlagswerbung. Was wurde den Zwergriesen der FAZ, SZ, Spiegel usf. wohl bezahlt für diese Liebesdienste? Wird der Literaturbetrieb nun edngültig zum Puff?
| von peter zwey, 30.08.2011

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