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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:20

Howard Jacobson: Die Finkler-Frage / Michel Bergmann: Machloikes

03.10.2011

2x Suche nach der verlorenen Zeit

Der Brite Howard Jacobson stellt Die Finkler-Frage & Michel Bergmann gibt eine Antwort: Machloikes, das meint im Jiddischen Durcheinander, Zwiespalt. – Auf keinen Fall die Quersumme beider Bücher, findet HUBERT HOLZMANN.

 

Der neue Roman des britischen Autors und Booker-Preisträgers von 2010 Howard Jacobson Die Finkler-Frage wurde schon vor seinem Erscheinen auf dem deutschen Büchermarkt als »Meisterwerk der Tragikomödie« (Die ZEIT) angekündigt und eine große Pressekampagnie lief zum Erscheinungsdatum an. Der Autor – so scheint es – setzt in seinem Buch ein Feuerwerk aus brillantem englischen Humor und beißender Ironie in Gang. Zumindest auf den ersten Seiten findet man es als Leser auch bestätigt. Danach flammt der versprochene Funkenschlag nur stellenweise wieder auf.

 

Der Held in Jacobsens Roman, Julian Treslove, ein Mann mittleren Alters, studiert, zeitweilig Rundfunkredakteur bei BBC, ist auf voller Linie gescheitert: ohne geregelten Job, ohne Frau, kein Kontakt zu seinen beiden Söhnen. Einzig geblieben ist für ihn eine Art Dreierbund, seine Freundschaft zu zwei Männern, dem wesentlich älteren Exiltschechen Libor Sevcik, der im Nachkriegshollywood für verschiedene Zeitungen über das Showgeschäft schrieb, und zu seinem Schulrivalen Samuel Finkler, beide Juden, die auf ein erfolgreiches und erfülltes Leben zurückblicken.

 

Durchgekaute Klischees

Julian Treslove, obgleich eigentlich Goj, also Nicht-Jude und vollständig ohne jüdische Vorfahren, macht sich gleich zu Beginn des Romans auf die Suche nach seiner jüdischen Identität. An zahlreichen Abschnitten seines Lebens findet er Signale für diese. Seine Suche wird ausgelöst, als er eines Nachts auf dem Heimweg von Libor Sevcik im Londoner Norden überfallen und all seiner Habseligkeiten beraubt wird. Für Treslove ist sofort klar, dass er das Opfer eines antijüdischen Angriffs wurde. Warum aber ausgerechnet er, das wird für ihn zur alles bestimmenden Frage. Ab diesem Zeitpunkt beginnt er damit, sich und sein gesamtes Leben mit einer jüdischen Identität neu zu definieren. Er übt sich im Jiddischen, wird zum Spezialisten für jüdische Feiertage, der auch die kleinsten Regeln kennt, und eignet sich sogar typische Denkhaltungen an wie den jüdischen Selbstzweifel.

 

Howard Jacobsen schafft dadurch in seiner Finkler-Frage anfangs durchaus einen hintergründigen Witz. Er jongliert nicht nur mit spezifischen Klischees und Vorstellungen, sondern versichert sich bewusst auch in Fragen jüdischer Geschichte und Gegenwart, der Rolle Israels oder der jüdischen Sonderstellung. Doch damit beginnt zugleich ein Erzählmuster, das etliche Male wiederholt wird. Mit großem Diskussionseifer repetiert der Autor die Themen tiefster menschlicher Existenz – Selbsthass, Glück, Sinn, Frauen, Sex, Tod – und dekliniert sie im Verlauf des Romans bis in Kleinigkeiten durch.

 

»’Nicht schon wieder’, sagte Finkler meist, wenn die Rede auf Israel kam. ‚Holocaust, Holocaust’, obwohl Treslove sicher wusste, dass Libor den Holocaust gar nicht erwähnt hatte. Allerdings war es ja möglich, sagte sich Treslove, dass Juden den Holocaust nicht zu erwähnen brauchten, um den Holocaust zu erwähnen. Vielleicht konnten sie den Gedanken an den Holocaust mit Blicken übertragen, selbst wenn Libor nicht so aussah, als ob er tatsächlich Gedanken an den Holocaust übertrug. Woraufhin Libor seinerseits meist erwiderte: ‚Schon wieder? Dreht sich schon wieder alles um den Selbsthass der Juden?’, dabei hatte Treslove noch nie einen Juden oder sonst wen kennengelernt, der sich selbst so wenig hasste wie Finkler.«

 

Jacobsen fordert einen langen Atem von seinen Lesern. Auf diesen »Höhen« der Haarspalterei wird sein erzählreische Atem recht knapp. Die Diskussion über den Unterschied von »Schamjuden«, »ASCHandjiddn« oder Antizionisten, in die sich Julian Treslove ziehen lässt, entbehrt jeder Bodenhaftung.

 

Kaddisch in London

Julian Treslove, der seinen Lebensunterhalt dadurch verdient, dass er für Events als Double berühmter Filmstars gemietet werden kann – und natürlich sein Erzähler – versteigen sich allzu sehr in der Rolle des »Vielleichtjuden«, in eine Rolle zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Unweigerlich geraten Passagen dann sehr ins Belehrende, Didaktische. Besonders fällt dies im zweiten Abschnitt des Buches auf, als Treslove sich scheinbar wieder allzu naiv an eine Frau bindet und bei ihr einzieht. Die neue heißt Hephzibah und ist endlich eine jüdische Frau: »Gott, sie war wunderbar! Was ihn anging, so wäre er bereit, gleich den Sprung zu wagen. Auf der Stelle. Heirate mich. Ich werde tun, was nötig ist. Ich lerne, lasse mich beschneiden. Nur heirate mich und reiße Finklerwitze.«

 

Bemerkenswert ist vielleicht das Ende. Der Antiheld Treslove wird erneut zum Geschlagenen – erinnert Jacobson vielleicht an die Hiobsgeschichte? – und ausgestoßen aus dem Kreis derer, denen er sich doch die ganze Zeit anzunähern versuchte. Treslove scheitert trotz perfekt gespielter Rolle. Was bleibt? Finkler und Hephzibah beim Kaddischgebet.

 

Foto: Hubert Holzmann Foto: Hubert Holzmann

Machloikes - ein erzählerisches Feuerwerk

Keinesfalls eine Totenklage, sondern mitten im Leben stehen die Figuren in Michel Bergmanns Roman Machloikes. Bergmann zeichnet – wie schon in seinem ersten Roman Die Teilacher – das Leben der zurückgekehrten jüdischen Händler und Geschäftsleute im Frankfurt der frühen Nachkriegsjahre. Bei ihm mischen sich Humor, Witz und Ironie mit einer großen Menge an Lebenserfahrung und -weisheit.

 

Michel Bergmanns Erzähltempo ist hoch. Einzelne Episoden reißt er oft nur an. Und der Leser versteht schnell, worum es ihm geht. Es muss nicht immer alles bis zum Ende erzählt werden. Gleich der Beginn pures Understatement! »Die wilden Jahre waren vorbei und langsam begannen die Wunden zu vernarben. Es gab die Bundesrepublik Deutschland, einen volkstümlichen Bundespräsidenten und einen scharfkantigen Kanzler. Und es gab die Teilacher, die jüdischen Handelsvertreter, die von Tür zu Tür zogen, um den Deutschen Wäschepakete zu verkaufen. Es war für die Juden aus Osteuropa und für die wenigen zurückgekehrten jüdischen Frankfurter keine Frage, dass sie nur kurzzeitig im Land der Täter bleiben wollten. Ein wenig Geld machen, dann ab nach Israel oder in die USA... Vor allem sollten es ihre Kinder einmal besser haben. Deshalb war die Bundesrepublik für die Juden lediglich ein Transitland. Aber es kam anders.«

 

Foto: Hubert Holzmann Foto: Hubert Holzmann

»A bright and pretty entertainment!«

Mit großem Esprit zeichnet Bergmann das jüdische Leben in  der Stadt und verknüpft es mit dem Alltag: Manche Stellen wirken fast wie eine Collage. Die Stimmung der 50er Jahre entstehen neu durch Werbeslogans, Schlagerzitate, Nachrichteneinsprengsel. Dazu das Personal von Bergmann: Seine Teilacher, bereits in seinem ersten Roman die Haupthandelnden, die reisenden jüdischen Handelsvertreter, spielen wieder einen wichtigen Part. Hinzu kommt die Geschichte des jüdischen Teppichhändlers Fränkel, der immer dienstags im amerikanischen Hauptquartier vom amerikanischen Offizier Major Kramski zu seiner Rolle im Dritten Reich verhört wird. Und dann noch die Geschichte des 15-jährigen Alfred Kleefeld, der noch zur Schule geht und ganz andere Sorgen hat als die ältere Generation. »Da kam Juliette nah an ihn heran und fragte, ob er sie tatsächlich ein wenig lieb habe, denn sie hätte ihn schon ein wenig lieb, und Alfred wurde rot und meinte, ja, mehr als ein wenig, eher ein wenig sehr. Beide schlossen die Augen, spitzten den Mund und küssten sich rasch und flüchtig.«

 

Michel Bergmann weiß – nicht zuletzt als virtuoser Leser seiner eigenen Texte – um die Qualität und Wirkung seiner Romane. Er ist immer ganz nah am Dialogischen. Bergmanns Figuren leben, sprechen miteinander. »Die Eheleute Söhnlein aus Sprendlingen saßen ehrfurchtsvoll nebeneinander auf dem Sofa. Sie hatten keinen Zweifel an der Seriosität dieses netten Herren, der in der winzigen Wohnstube des winzigen Hauses stand und ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit das Geheimnis dieses günstigen Aussteuerpakets offenbahrte. Und er sprach ihre Sprache, er war einer von ihnen. Des is konfiszierte Ware, sagte David und hielt sich den Finger vor den Mund: Psst... Dann schnippte er mit den Fingern, murmelte kurz ‚Herr Wehrmann’, so wie sich alle Teilacher gegenseitig nannten, und der zweite Teilacher öffnete schweigend flugs das pekl. Die Ware gefielt den Söhnleins, und während ‚Herr Wehrmann’ sie ihnen wortlos präsentierte, erzählte David weiter...«

 

Hier erzählt kein vordergründig philosophischer Grübler, Bergmann beherrscht den Tonfall der ersten Juden, die in der Nachkriegszeit nach Deutschland zurückkehrten. Er muss das Jiddische nicht lang und breit erklären – das Glossar im Anhang eher zum Nachschlagen für den interessierten Leser – er erweckt das jüdische Nachkriegsfrankfurt zum Leben, er erinnert an die jüdische Denke, die jüdische Erziehung, wenn es ins zionistisches Jugendlager geht. Und garniert doch alles mit Humor und Doppelsinn. Kritische Diskussion? Selbsthass? Schamhaftigkeit? Nein!

 

Endet Howard Jacobsens Finkler-Frage mit dem Totengebet, so sprudelt aus Michels Bergmanns Machloikes das pralle Leben. Das Dialektische ist bei Bergmann hintergründig verwoben. »A bright and pretty entertainment!«

 

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Bücher wie Machloikes von Michel Bergmann müsste es mehr geben...
| von Michael Bayer, 04.10.2011

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