Der Protagonist Casement, der es als britischer Konsul zu Ruhm und Ehre gebracht hat, reist im Auftrag der britischen Krone nach Zentralafrika, erlebt im Kongo das menschenverachtende Kolonialsystem des belgischen Königs, die unmenschliche Zwangsarbeit und die barbarische Brutalität, mit der ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht werden. Wer denkt da nicht sogleich an Joseph Conrads weltberühmte Novelle Herz der Finsternis (1899)? Und tatsächlich sollen sich Conrad und Casement wirklich kurz begegnet sein.
Diese schlimmen Erlebnisse des »Kelten« werden durch seine Erfahrungen mit der Kautschukindustrie im peruanischen Amazonasgebiet noch getoppt. Die literarische Weltreise führt weiter in die USA, wo Casement in einer ganz anderen, für ihn letztlich verhängnisvollen Mission tätig wird. Er sammelt Geld zur Unterstützung der irischen Freiheitskämpfer. Der homosexuelle Casement freundet sich mit dem jungen Eivind Adler Christensen an, der sich später als Spitzel des Geheimdienstes entpuppt und Casement denunziert. Das Ende ist tragisch, aber durchaus vorhersehbar: Der Kelte kehrt über die Stationen Norwegen und Berlin kurz vor dem Dubliner Osteraufstand 1916 im U-Boot nach Irland zurück, wird dann verhaftet und als Hochverräter zum Tode verurteilt. Ein homosexueller Vaterlandsverräter hatte keine Chance, seine Verdienste waren vergessen, seine Reputation zerstört, sein öffentliches Ansehen tendierte gegen Null.
Casements Ende birgt bei aller Tragik dennoch fast komödiantische Züge. Der Henker, im Hauptberuf Friseur, offenbart einen Funken Mitleid: »Er konnte noch ein letztes Mal ein Flüstern von Mr. Ellis hören: Wenn Sie die Luft anhalten, geht es schneller, Sir. Er gehorchte.«
Das ist ein großer tragischer Stoff, den Mario Vargas Llosa hier vor dem Leser ausbreitet. Doch das erzählerische Feuer brennt nur auf Sparflamme. Dieses Manko ist der komplizierten, aber letztlich missglückten formalen Konstruktion geschuldet. Der heute 75-jährige Nobelpreisträger seziert Casements Leben in 15 Kapiteln; die ungeraden sind alle im Londoner Gefängnis angesiedelt, wo er auf seine Hinrichtung wartet, also von bilanzierender, rückblickender Natur.
Durch den ständigen Wechsel der Erzählebenen schleichen sich somit zwangsläufig auch Redundanzen ein. Das langweilt auf die Dauer und bremst das Handlungstempo (ungewollt) auf Schrittgeschwindigkeit. Dieser gebrochene Held, diese innerlich schon seit der Kindheit in einem katholisch-protestantischen Elternhaus seltsam zerrissene Figur bewegt sich wie in Zeitlupe vor dem Auge des Lesers.
Nach dem nur mäßig geglückten Traum des Kelten schöpfen wir Hoffnung aus Vargas Llosas ungebrochenem Arbeitseifer (»Der Tod wird mich mit der Feder in der Hand antreffen.«) und verharren in erwartungsvoller Vorfreude auf sein nächstes Werk.
