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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:21

Dieter Kühn: Den Musil spreng ich in die Luft

28.11.2011

Ein literarischer Sprengmeister

Dieter Kühn reitet in seinen gefälschten Geschichten Den Musil spreng ich in die Luft zwar nicht auf Kanonenkugeln durch die Luft, wird aber von Beethoven und den Musen geküsst. Von HUBERT HOLZMANN

 

Dieter Kühn, Jahrgang 1935, hat vor etlichen Jahren (1990) einen Roman mit dem Titel Beethoven und der schwarze Geiger geschrieben, einem Roman, der vom ursprünglichen Widmungsträger von Beethovens Kreutzer Sonate, dem dunkelhäutigen Geigenvirtuosen George Bridgetower, erzählt. Kühn imaginiert hier eine fiktive Fahrt von Beethoven und dem Geiger auf der Southern Cross, die Richtung Westafrika führt. Schon damals wäre der Untertitel Gefälschte Geschichten? passgenau gewesen.

 

Wenn Dieter Kühn heute sechs Erzählungen unter diesem Thema zusammenstellt, erweckt dies Neugier; zu wissen, was der in verschiedensten Biografien stöbernde Autor diesmal ans Tageslicht zerrt und zaubert. Es sind Bittschriften, Reiseberichte, Festschriften, Rückblicke und Rechtfertigungen.

 

(c) Jürgen Bauer (c) Jürgen Bauer

Die ersten drei Geschichten des ersten Teils erzählen aus der Rückschau die Biografien dreier Lebenskünstler: Die erste Da gab mir Beethoven einen Kuss ist ein kunstvoll angelegter Bettelbrief des gealterten, kranken und heruntergekommenen Künstlers Johann Peter Lyser, der sich von der Schillergesellschaft eine Ehrengabe für sein Lebenswerk erhofft. Lyser ist Schriftsteller, Maler und Musiker – heute würde man ihn wohl als ›allrounder‹ bezeichnen – und nimmt an Expeditionsreisen in den Dschungel von Ceylon teil. Sein Leben ist das eines Abenteurers, die Erfahrungen mit Schlangenbissen, von denen Kühn uns berichtet, sind nahe an Krankheitserfahrungen von Kara Ben Nemsi, ausgeschmückt also wie bei Karl May.

 

Kühn weiß aber auch von Begegnungen mit Napoleon auf St. Helena zu berichten, Lyser soll sich als E.T.A. Hoffmann in Berlin ausgegeben haben und kurzzeitig als Assistent von Ludwig van Beethoven in Wien verweilt haben. Längst ertaubt greift Lyser dennoch erfolgreich in Kompositionsprozesse des Wiener Klassikers ein – die dritte Leonoren-Ouvertüre gelingt mit Lysers Hilfe. Und man vermutet es bereits, wird auch dem Alten in Weimar ein Besuch abgestattet. Das Treffen mit Goethe ist aus der Rückschau des Hochstaplers Lyser ein skurriles Trinkgelage, da der taube Lyser die Worte des Dichterfürsten ja nicht mehr hören kann:

 

»Im späteren Verlauf: Fortsetzung des Umtrunks, nun zu zweit. Dass ich Goethe nicht hörte, störte kaum, es gab ja genug von ihm zu lesen. Es entwickelte sich, was mein Freund Felix (Mendelssohn) als ›Lied ohne Worte‹ bezeichnete – hier war es ein Lied mit vielen Strophen (oder Refrains). Und so wurde es intoniert: Auf der Fensterbank mit Blick auf den Frauenplan eine Flasche Rotwein, auf einer Kommode gegenüber ebenfalls eine Flasche Rotwein...«

 

Auch Erzählung Nummer 2 (Dieser Falter ist eine Fälschung!) ist de facto eine mögliche Geschichte, die wiederum den Blick auf eine unserer zentralen europäischen Geistesgröße wirft: Schreiber des Reiseberichts ist nämlich kein anderer als Robert Fitz-Roy – wie uns ein fiktiver Herausgeber der Schrift belehrt –, der Kapitän von Charles Darwins Forschungsschiffs Beagle. Nur im Nebenbei sei erwähnt, dass auch hier der Kurs des Schiffes an St. Helena vorbeiführt. Dennoch geht es hier um Darwins Erkenntnisse über saufende Affen, fliegende Fische und die Natur imitierenden Larven, Raupen und Schmetterlinge. Fitz-Roy hat hier ebenfalls einen Empfänger seines Schreibens, die Royal Society in London. Diesmal geht es darum, dass eine ungeklärte Frage Darwins im Nachhinein aufgeklärt werden soll.

 

Langeweile im Altherrenstil

Kühns drittes Bravourstück beginnt wieder im selben Stil der vorangehenden Erzählungen. Erneut gibt es einen Adressaten des Schreibens, es ist eine Festschrift, und wiederum steht im Zentrum ein Forscher des 19. Jahrhunderts: diesmal ein Polarforscher. Kühn wiederholt sich. Er wendet Ansichten hin und her, reflektiert Forschungstheoreme – hier zur Sprache der Inuit – und stellt die Geschichte in den Kontext eines Herausgebers.

 

Der zweite Teil, die nächsten drei Erzählungen, wählen ein nicht mehr so harmloses Sujet aus: Kühn wirft hier einen Blick auf verschiedene Helden, die in der NS-Zeit lebten und gut überlebten: Mitläufer, Unterstützer und Systemgewinnler. In der ersten Erzählung geht es um einen Filmemacher, der ein Projekt über Lawrence von Arabien und seinen deutschen Gegenspieler Musil, einem entfernten Verwandten von Robert Musik, bei Göring durchsetzen will. Insgesamt ein Beschauen auf Geschichte, das aktuell nicht unbedingt reizt. Die zweite Geschichte blickt auf einen holländischen Maler und Restaurateur, der im Auftrag von Goebbels Bruder Bilder fälscht und an Nazischergen verkauft.

 

Dieter Kühns letzte Geschichte Deportation auf dem Fahrrad ist denn auch vor allem als eine Kritik an Nachkriegsdeutschland zu lesen. Hier erkaufen sich ehemalige Gestapo-Beamte Persilscheine, schieben Schuld und Verantwortung an andere ab, im Mittelpunkt Maria Epstein, Jüdin, die noch in letzter Stunde in ein KZ gebracht wird. So abstrus manche Position in diesen drei letzten Erzählungen erscheint, Kühn schreibt mit diesen drei Geschichten gegen das Vergessen an. Allerdings handeln vor allem die beiden Erzählungen Den Musik spreng ich in die Luft und Ich habe Göring schwer geschädigt eher von marginalen Erlebnissen. Befremdlich.

 

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