Franz Dobler: Sterne und Straßen
22.04.2004
Der beobachtende Gelegenheitsschreiber
Fernab von Küchenphilosophie und verkrampften Befindlichkeitsschreibereien versteht Franz Dobler es, den Kern der Wahrheit (und den der Lügen) aus dem flüchtigen Schreibtagewerk einer Zeitung ins archivierende Bewusstsein des Lesers zu transportieren. Jetzt schaut er auf zwanzig Jahre eigene Feuilletontexte zurück, hoch hinauf zu den Sternen und erdig hinab auf die Straße.
Was ich gerne lese, sind kürzere Texte von Autoren, die es verstehen, die Spezies Essay oder erzählende Reportage gut durch gebürstet und gestriegelt auf den entscheidenden Punkt zu bringen. So wie der Dobler Franz aus Augsburg. Der diese wunderbare Biographie über Johnny Cash geschrieben hat und das bierernst-lustige „Bierherz“. Unter anderem. Jetzt schaut er auf zwanzig Jahre eigene Feuilletontexte zurück, hoch hinauf zu den Sternen und erdig hinab auf die Straße.
Es sammelt sich doch so einiges an im Laufe eines Feuilletonistenlebens. Was seinerzeit vielleicht aus gutem Grunde nicht den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, ist immer noch für eine Secondhandverwertung gut und kitzelt wenigstens im Sammelband die Lustnerven des Lesers. „Ein Mann bei der Arbeit“, so der Titel einer unveröffentlichten Beobachtung, ist der Dobler Franz aus Augsburg von der ersten bis zur letzten Seite. Offenherzig und frech, punktgenau und mit dem nötigen Biss in das wabbelige Fleisch der Gesellschaft. Da, wo er, der Biss, angebracht ist.
Noch etwas scheint durch bei Dobler: Auf ihn trifft das von mir geliebte Wort vom Gelegenheitsschreiber zu. Der bei jeder Gelegenheit schreibt, erstens, und der gelegentlich schreibt, zweitens. Franz Dobler betätigt sich als Gelegen-heitsschreiber für die „Süddeutsche Zeitung“ und für die „Junge Welt“. Aus der letzten Zeitung steht einiges im Buch. Weil Dobler seine Themen auf der Straße findet und manchmal auch in den Sternen Wörterreiches requiriert, trifft der Buchtitel herrlich schön das Himmlische auf Erden. Wie in dem Text „Um sein Leben schreiben“ über Hans Frick, der am 3. Februar 2003 gestorben ist und den Dobler in einer Liebeserklärung eigentlich dem Tod wieder entreißen möchte.
Bei diesem Hinweis möchte ich Rezensent es belassen und dringend darum bitten, das Buch nicht nur zu kaufen sondern auch zu lesen. Fernab von Küchenphilosophie und verkrampften Befindlichkeitsschreibereien versteht Franz Dobler es, den Kern der Wahrheit (und den der Lügen) aus dem flüchtigen Schreibtagewerk einer Zeitung ins archivierende Bewusstsein des Lesers zu transportieren.
Textauszug:
Gegen meine Überzeugung. Aus Feigheit. Ja, ich war sogar zu feige, auch nur mit einer kleinen Unterschrift gegen die Rechtschreibreform zu protestieren. Sogar lustig machte ich mich über meine tapferen Kollegen. Und behauptete auch noch arrogant, sowieso nur meinen eigenen Regeln zu folgen.
Klaus Hübner
Franz Dobler: Sterne und Straßen. Feuilletons. Edition Tiamat im Verlag Klaus Bittermann. Berlin, 2004. 128 Seiten. ISBN 3-89320-073-8. 12 Euro