Aus der Ferne kann Ulrike Draesner ein bisschen furchterregend wirken. Powerfrau, denkt man sich, und schämt sich sogleich für das abgenutzte Wort, das sich bei näherem Hinsehen auch als unzutreffend erweist. Es genügt, die neuen Erzählungen von Draesner zu lesen. Zwölf Texte hat sie in „Hot Dogs“ zusammengestellt. Sie nach dem Lesen der ersten („Gina Regina“) in die Schublade Grossstadtzeitgeistfrauenliteratur zu stecken, ist eine Versuchung, wäre aber ein Fehler. Denn je mehr Seiten man umblättert, umso weicher, tiefer werden die Texte, umso ruhiger, klarer wird die Sprache.
Gina, die professionelle Samenräuberin, lässt sich noch schrill die Brustwarzen lackieren („der neuste Hit, frisch aus Japan importiert“), und den „doomed-Spruch der Stadt“ entgegen schleudern. Sie praktiziert ihre ganz eigene Art von New Economy, Gefühle sind da fehl am Platz. Doch schon in der nächsten Geschichte verschwindet der nervige Zeitgeist-Ton, und Draesner öffnet ein Fenster ins echte Leben. Immer noch schräg und nichts für zartbesaitete Tierliebhaber (ein paar niedlichen Welpen ergeht es schlecht), aber dahinter verbirgt sich das Drama von einem, der von sich geglaubt hat, besonders clever zu sein.
"Sehnsuchtslöcher"
Und je weiter es geht, umso tiefer greifen Dreasners Texte ins Innenleben ihrer Figuren. Den Frauen, nicht mehr ganz jung, rennt die Zeit davon: die der Schönheit, des Kinderkriegens und der leichten Siege. Hinter ihrer vermeintlichen Herzlosigkeit steht die Verzweiflung über den Verlust der Jugend und die Angst vor dem Alleinsein. Von den Männern, eher lauwarmen Würstchen als Hot Dogs, ist keine Hilfe zu erwarten. In dieser Welt ist kein Platz für „Sehnsuchtslöcher“, da muss jeder selber sehen, wo er bleibt: Draesners Frauen ergreifen die Chance, die sie nicht haben, rücksichtslos. Bis ihre eigenen Gefühle sie von hinten kalt erwischen.
Vielleicht umgeben sie sich deshalb mit Tieren, die in mehreren Texten eine große Rolle spielen. Stellvertreter für unausgelebte Zärtlichkeit, instinktgetrieben, statt ständig abwägend wie ihre Besitzerinnen.
Ein bisschen kann einem diese Menagerie mit der Zeit auf die Nerven gehen, das ganze Geflatter, Gemaunze und die sich das Gemächt leckenden Hunde. Auch fragt man sich, warum sich gleich mehrere Geschichten mit künstlicher Befruchtung befassen müssen. Meist geht es um Frauen, die unbedingt ein Kind wollen, aber keinen Mann dazu haben oder deren Kerl es nicht fertig bringt, sie zu schwängern. Auch das nervt ein bisschen; allerdings nicht nachhaltig, da die Autorin immer wieder neue Varianten dieses bisher von der Literatur vernachlässigten Themas entwickelt.
Doch sie hat natürlich auch andere Themen: Geschwisterliebe, Familienurlaub, erotische Obsession, Schulmädchenküsse, Kindheitstrauma, DDR. Draesner ist immer nah dran an ihren Figuren, folgt ihnen sozusagen mit der Handkamera, rennt ihnen voraus, schwenkt, hält sich nirgends länger auf. Aus den Splittern setzt sie ein Mosaik zusammen, in dem die Menschen manchmal entstellt wirken mit ihren deformierten Herzen. Doch wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass sie ganz normal sind, dass man es vielleicht selbst ist, der sich in den Scherben spiegelt.
Mascha Kurtz
Ulrike Draesner: Hot Dogs. Erzählungen. Luchterhand Literaturverlag 2004. Gebunden. 188 Seiten. 19,00 EUR. ISBN: 3-630-87134-8.