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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:02

 

Françoise Cactus: Neurosen zum Valentinstag

06.06.2004

 
Moderne Bovarysmen

Die inzwischen 40 jährige Françoise Cactus schrieb schon mit 14 Jahren ihren ersten Roman Photo-Souvenir und hat mit ihren weiteren Werken, Zitterparties Autobigophonie und Provinzblume, den Begriff der „Lolita-Literatur“ geprägt. In ihren neuen Kurzgeschichten liefert sie eine präzise Darstellung des trivialen Alltags.

 

Cactus überspitzt in ihrem charmanten franco- germanischen Sprachstil alltägliche, unter anderem selbst erlebte Geschichten. Sie lyrisiert Beziehungsprobleme mit ironisch schmollmündiger und latent spätpubertärer Melancholie. Ihre Geschichten funktionieren dabei nach dem Schärfe/Unschärfeprinzip (je dichter daran desto abstrakter das laterale Ganze) und handeln, zeitweise im Slapstickstil erzählt, von unzufriedenen und sentimentalen Frauen, die entweder nachdenklich oder leidenschaftlich von ihrem Leben und seinen täglichen Querelen erzählen.

Die Erzählweise, in der Cactus ihre Heldinnen Probleme oder Erlebnisse vortragen lässt, ist locker und amüsant: Zum Beispiel die alternde Diva Pamela, die zynisch mit sich und der Welt hadernd, gleichzeitig einen absurd komischen Dialog mit ihrem Friseur hinlegt. Oder auch Berthe, in einem Brief an ihren Verehrer voller Selbstzweifel und Momentaufnahmen ihrer skurrilen Kindheit vortragend: sie liebt ihre Mutter apotheotisch, wird von ihr, die leidenschaftlich in ihren liasons amoureuses aufgeht, jedoch stark vernachlässigt.

Kandierte Sehnsüchte

Eine lustige Novellette beschreibt das Leben einer aufgedrehten, koksenden Freundin, deren Beruf das Groupie -Dasein an der Seite eines prügelnden exaltierten Musikers ist. In einer anderen Geschichte wütet die, von ihrem Freund gehörnte eifersüchtige Julie über zwei ganze Seiten in witzig aneinander gereihten Schimpfkanonaden mit Ausdrücken wie „Labile Schnellspritzer“, „Schleimige Pedicatoren“ usw. über die Seiten. (Sieben Geschichten vorher geistert selbige Julie, eben jung verschieden, noch als schrecklich einseitig liebendes Gespenst durch die Zeilen).

Wieder eine Erzählung weiter lässt die gerade glücklich (schwarzhumorig à la Ingrid Noll) verwitwete Rose ihr frustrierendes Leben Revue passieren. Eine andere Kurzgeschichte nennt Cactus „film noir“ und schafft hier ein ebenso kafkaeskes wie brüsk endendes Stimmungsbild einer verwirrten Frau und ihrer Protectrice. Die Überschneidungen der einzelnen Geschichten untereinander und ein atemlos knapp gehaltener Erzählstil verbinden das Buch zu einem in sich schlüssig wirkenden, doch exzentrisch bunt gehaltenen, glänzenden Experimentierstück.

Ewa Berger


Françoise Cactus: Neurosen zum Valentinstag.
Rowohlt Berlin 2004.
Gebunden. 153 Seiten. 14,90 ¤.
ISBN: 3-87134-499-0.

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