Im Jahre 1993 veröffentlichte Rainald Goetz seinen ersten wahnwitzigen Zyklus Festung, bestehend aus den Bänden Festung (3 Theaterstücke), Kronos (Essays) und der dreiteiligen Materialsammlung 1989. Zur Zeit des Erscheinens waren diese fünf Bände nur in einer Kassette zu haben, nun hat sie der Suhrkamp Verlag nacheinander (und auf dickerem Papier, was den Lesegenuss, sofern vorhanden, deutlich steigert) neu herausgegeben. Da sich sowohl Kronos als auch dieser Mammutband 1989 nur als Kompendium zum recht dünnen Bändchen mit den Theaterstücken verstehen, ist es fast ein Witz, diese Sammlung einzeln herauszugeben. Wer bitte soll auf über 2000 Seiten die Mitschriften eines manischen Autors aus den Nachrichtensendungen des Jahres 1989 lesen wollen?
Abschreiben der Welt
Goetz versucht erst gar nicht, einen poetischen Zugang zum Gesehenen zu finden, er hält durch das, was er einst als „das wahre Abschreiben der Welt“ bezeichnete, Distanz zum Geschehen und positioniert sich so als einsamer Chronist der gerade erlebten Gegenwart. Der Zugang zur Welt ist ein rein medialer, und so sollen die Grenzen des beanspruchten Mediums auch nicht überschritten werden. Ein Eingreifen des Autors würde einer Vernachlässigung seiner Chronistenpflicht gleichkommen und bleibt somit aus. Auch die Grenze zwischen Relevanz und Banalität wird ignoriert, auch wenn die historische Codierung der Jahreszahl 1989 sicherlich im Mittelpunkt der Annäherung an die Ereignisse eines Jahres steht. Doch die Öffnung der Mauer wird hier nicht glorifizierend instrumentalisiert, sondern kommentarlos neben die Zusammenfassung von Tennisspielen eines Boris Becker oder die aktuellen Ergebnisse der Fußball-Bundesliga gestellt.
1989 ist selbstverständlich dankbares Material für Kritiker, die dieses „Abschreiben der Welt“ untersuchen und zur Diskussion stellen möchten. Allerdings ist es äußerst undankbares Material für Leser, die sich zwar nicht der hermetischen Kunst verweigern möchten, lieber jedoch ein Buch lesen als ein Konzept erkennen wollen. Warum also 1989? Schlägt jemand, der die Stücke in Festung liest, die Mitschriften aus den Nachrichten auf, um die Inspirationen des Autors zu suchen? Vielleicht, jedoch muss man, das hat die Zeit gezeigt, darauf hinweisen, dass auch Goetz gelernt hat. Anders als 1989 funktioniert nämlich sein Internet-Tagebuch Abfall für Alle wieder auf einer kommunikativen Ebene, die das Zwiegespräch zwischen Sender und Empfänger sucht – und nicht den Autor von vornherein selbst als Empfänger positioniert. Das nämlich ist eine äußerst fragwürdige Methode, die, wie gesagt, einem Konzept dient, das nur auf einer Meta-Ebene rezipiert werden kann. Aber: Es hat ja auch niemand behauptet, Goetz sei ein einfacher Schriftsteller, der sich mit dualen Strukturen zufrieden gibt.