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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:03

 

Nina Jäckle: Es gibt solche

14.02.2004



Was man nicht sieht

Ein Buch von einer, die das Schreiben ernst nimmt. Klar, genau, langsam bis zum Stillstand. Es soll viele Leser haben.



 

Eine junge Frau erblindet langsam. Noch kann sie sehen. Aber alles verschwimmt, die Dinge verlieren ihre Eindeutigkeit. In kurzen Abschnitten schildert Nina Jäckle ihre eingeschränkte Wahrnehmung: Am Fuss der U-Bahn-Treppe steht ein Pony. Beim Näherkommen teilt es sich, wird zu Pappkartons und einer Frau im Pelzmantel. Ein Fleck auf den Badezimmerkacheln ist so lange ein Fleck, bis er davon krabbelt. Eine Ratte in der Zimmerecke wird zur Socke. Diese Missverständnisse der Wahrnehmung gibt es auch in der Beziehung der jungen Frau. Schließlich entdeckt sie, dass ihr Freund ihr Erblinden fotografisch festhält: sein Hobby.

Nina Jäckles Geschichten spielen sich in geschlossenen Räumen ab. Ihre Figuren stehen reglos in der Mitte des Raumes und lauschen. Sie versuchen, ihre Welt zu gliedern, dem Chaos eine Ordnung abzuringen oder einen Sinn. Nina Jäckle deutet an. Eine U-Bahn bleibt im Tunnel stecken, der Stromausfall nimmt den Fahrgästen die Sicht. Erst in der Dunkelheit beginnen die Fahrgäste, miteinander zu sprechen. In ihrer vorübergehenden Blindheit kommen sie sich nah.

Ein Mann verlässt seine Wohnung nicht mehr. Er wartet. Auf eine Frau, die nicht wiederkommen wird. Er hört die Katze der Nachbarin miauen. Vom Hausmeister besorgt er sich den Wohnungsschlüssel. Er breitet sich in der Wohnung der Nachbarin aus, ersetzt durch sie, ohne ihr Wissen, die Verlorene.

Die Autorin legt uns Bruchstücke vor, aus denen wir Geschichten zusammensetzen. Sie hat den Mut, uns nicht alles zu sagen und den Mut zum Alltag. Was dahinter liegt, ist schwer fassbar. Der Leser muss entscheiden, ob er das langweilig findet oder spannend. Ich fand es spannend.

Nina Jäckle beschreibt mit ihrer klaren Sprache die blinden Flecken in der Wirklichkeit. Die Geschichten sind wie Tunnel, die der Leser durchfährt. In dem Moment, in dem es hell wird, hören sie auf. Vor uns eine leere Seite. Dahinter die nächste Erzählung: Eine Frau lernt ihre beste Freundin Nane “auswendig”. Sie kopiert Nane bis hinein in die Art, wie sie den Füller hält. Stiehlt ihren Pullover. Trägt das gleiche Parfum. Gibt sich als Nane aus. Versucht, der Freundin nahe zu kommen und sie auszulöschen, indem sie sich in sie verwandelt. Als sie es geschafft hat, braucht sie die Freundin nicht mehr, denn sie ist selbst all das geworden, was sie an Nane bewundert hat.

“Es gibt solche” ist ein dünnes Buch. Es gibt viel Weißraum, unbeschriebene Seiten, Leerzeilen. Das passt, denn darum geht es: Was man nicht sieht, was man nicht sagt, was man nicht zeigt. Um die Leere, die jeden von uns umgibt. Wenn es wieder hell wird, erscheinen die Dinge, als hätte man sie aus dem Hintergrund herausgeschnitten und Scheinwerfer darauf gerichtet.

Ein Buch von einer, die das Schreiben ernst nimmt. Klar, genau, langsam bis zum Stillstand. Es soll viele Leser haben.


Mascha Kurtz



Nina Jäckle: Es gibt solche, Erzählungen. Berlin Verlag, 176 S., 16¤. ISBN: 3-8270-0484-5

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