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Tuuve Aro: Ärger mit der Heizung

26.07.2004

 
Auf der Suche nach dem kleinen Glück

Mit sicherem Gespür für die Absurditäten des Alltags erzählt die Finnin Tuuve Aro in dem Geschichtenband Ärger mit der Heizung von der Lächerlichkeit und Tragik der menschlichen Existenz. Eine Entdeckung, die sich lohnt: dicht geschrieben und mit hintergründiger Ironie gewürzt.

 

Sinikka lebt wie hinter einer Glaswand und terrorisiert wildfremde Leute mit nächtlichen Anrufen, ein Weltverweigerer leistet aus Prinzip Widerstand gegen alles, die Supermarktkassiererin Riitaa gewinnt im Lotto und weiß nichts mit ihren Millionen anzufangen: Schräge Vögel, orientierungslose Loser, entfremdete Außenseiter, die mit der Welt nicht zurechtkommen, sind die Figuren von Tuuve Aro allesamt. In 26 Geschichten, meist ein paar Seiten lang – auch Miniaturen von gerade mal einer Seite und eine fast 40-seitige Novelle sind darunter –, erzählt die junge finnische Autorin vom Scheitern an den Zwängen des Alltags, den Absurditäten des Lebens und der Suche nach dem kleinen Quentchen Glück.

Wo endet die Realität?

Groteske Szenerien und rätselhafte Wendungen, eine lakonisch dichte Sprache und ein subtiler Humor verbinden die Erzählungen stilistisch. Immer wieder vermischen sich dabei Realität und Fantasie, driften die Figuren schlafwandlerisch in ihre Sehnsüchte ab und werden von der schnöden Wirklichkeit doch wieder eingeholt. Oder aber die Hirngespinste entpuppen sich als Alptraum. In der kafkaesken Erzählung „Arbeitstag“ etwa wird ein akribischer Angestellter auf dem Heimweg von einer buckeligen Alten attackiert. Ohne jeden Anlass lässt sie ihren Krückstock auf sein Kinn krachen, stürmt am nächsten Morgen sein Büro, fesselt ihn mit Hilfe eines schmächtigen Jungen, der eigentlich nur Computerkabel verlegen sollte, und stopft ihm den Mund mit Formularen voll. Nach einer Stunde wacht der Bürohengst wieder auf und macht weiter wie bisher: wichtige Telefonate, neue Bestellungen, Besprechungen.

Filmanalogien und Perspektivenwechsel

Tuuve Aro – sie studierte u. a. Filmwissenschaft und arbeitet als freie Kinokritikerin – hat ein Faible für Filmanalogien. Die Erzählung „Ausblick“ evoziert Hitchcocks Fenster zum Hof, in „König der Straßen“ übt sich ein pubertierender Jüngling in der Pose der Men in Black, „Aufbruch“ kommt wie ein Roadmovie daher und in „Gregori und Matti“ findet ein Arbeitsloser nach durchzechter Nacht Matti Pellonpää, sein Schauspieleridol aus Kaurismäkis Filmen, an der Zimmerdecke schwebend vor.

Bemerkenswert auch Aros Perspektivenwechsel, ihre Fähigkeit, in ganz unterschiedliche Charaktere zu schlüpfen. Ihr Spektrum umfasst den notorischen Weiberhelden Kalle ebenso wie die Lesbe Ulla oder die Rollstuhlfahrerin Saija, die in der Badewanne von einem Dasein als federleichte Meerjungfrau träumt. Ebenso bewegend und mit einer extrem verknappten Sprache meisterhaft umgesetzt die Geschichte „Freitag“ aus der Sicht eines verwahrlosten kleinen Kindes, das sein Gesicht im Fell des Hundes vergräbt, um dem gewalttätigen Vater zu entgehen: „Wir sind beide Hunde und wollen raus. Wir wollen zu fressen haben.“

Sicherlich ist nicht alles derart geschliffen erzählt, und es findet sich ab und an ein verbrauchtes Bild (etwa wenn eine im Wind dahintreibende Zeitung in „Aufbruch“ die Lonesome-Cowboy-Metaphorik überstrapaziert). Was Aros Geschichten jedoch lesenswert macht, ist ihr scharfer Blick auf die Tragik und Komik des Lebens. Und stets bleibt in ihrem Universum eine Gewissheit: Die Gedanken sind frei und ein Ausstieg in Wunschwelten immer möglich. Man sollte nur aufpassen, wohin einen die Fantasie führt.

Karin Scharschmied


Tuuve Aro: Ärger mit der Heizung.
Erzählungen. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.
Suhrkamp Verlag 2004.
Taschenbuch. 169 Seiten. 8 Euro.
ISBN 3-518-45572-9

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