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Max Goldt: Der Krapfen auf dem Sims

12.02.2004




Von Mundflora und Papptellern

Der satirische Gegenwartsanalytiker Max Goldt legt seine neuen Mysterien des Alltags in Buchform vor.


 

Eine Kritik über Max Goldt sollte irgendwie plüschig anfangen, rüschig oder meinetwegen auch mit einem feinen Beigeschmack aus Obskurität. Wie wäre es damit: Als ich noch jung und hübsch war, schaute ich periodisch bei einem Freund zu Hause vorbei, um mich mit den neuesten Seltsamkeiten aus der Welt des Klangs bekannt zu machen. Mein Freund hatte Platten (die damals selbstredend noch aus Vinyl waren) von Bands wie Throbbing Gristle oder Tuxedo Moon, die mir in der Regel einen erstaunten Augenaufschlag und ein Reiben übers unbeflaumte Kinn abnötigten.

Beides war angesagt, als mein Freund Anfang der 80-er Jahre eine Platte von Foyer Des Arts auflegte. Oha, deutscher Gesang, Neue Deutsche Welle offenbar. Aber wie sonderbar, wie anheimelnd und grenzenlos absurd zugleich. Da gab es Lieder, die hießen „Ich bau dir ein Haus aus den Knochen von Cary Grant“, da wurde ein „lila Reisebügeleisen“ besungen und konstatiert, dass „schimmliges Brot selten von Vorteil“ sei. Mein Freund und ich wälzten uns auf dem Jugendzimmer-Flokati vor Lachen und das völlig und ganz ohne Drogen.

Hinter Foyer Des Arts verbarg sich ein Duo. Gerd Pasemann war für die Musik zuständig und Max Goldt für diese absolut hirnverbrannten und folglich absolut wunderbaren Texte. Was aus Herrn Pasemann geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Max Goldt aber ist immer noch da, schreibt immer noch hirnverbrannte, immer noch geniale Texte für diverse Periodika und bringt diese auch in Buchform heraus. Wie gerade wieder unter dem Titel „Der Krapfen auf dem Sims“ geschehen.

Versammelt sind darin Beiträge, die Goldt, hauptsächlich für das Satiremagazin Titanic, zwischen Ende 1998 und Ende 2000 gesponnen hat. Beiträge? Das sagt nicht viel. Kolumnen? Ist auch nicht viel besser. Der Untertitel des literarischen Krapfens verspricht „Betrachtungen, Essays u.a.“. Aha. Und damit wären wir mitten drin in der Problematik des Goldtschen Schaffens. Was schreibt der Mann eigentlich? Nicht, dass von der Beantwortung dieser Frage des Lesers Wohl und Wehe abhänge. Im Gegenteil: Er darf sich eins grinsen, egal wie man’s nun nennen will, worüber er sich da köstlich amüsiert. Für eine ordentliche Rezension hingegen ist ein Etikett – bei aller berechtigten Kritik des Schubladendenkens – schon hilfreich.

Also: Was macht Goldt eigentlich? Genau besehen, beschreibt er Mysterien des Alltags wie ein auszurichtendes Geburtstagsfest oder einen staubbeutellosen Staubsauger. Indem er sie beschreibt – und zwar in Sätzen, die glänzen wie polierte Schuhe – schafft er sie mitunter erst. Diese kleinen Nebensächlichkeiten des Daseins in einer vorgeblich zivilisierten Konsumgesellschaft, Goldt würdigt oder geißelt sie. In jedem Fall hellt er sie auf. Damit sie endlich wahrgenommen und zu ihrem Recht oder Unrecht kommen.

Wie Goldt das bewerkstelligt, das macht ihm keiner nach. Die Kunst des zwanglosen, aber völlig aberwitzigen Übergangs beherrscht keiner wie er. In der Meditation – nennen wir es einfach jetzt mal Meditation – mit dem Titel „Der Mann, der sich wie Kühe fühlt, und die Frau, die nicht weiß, wann sie Middach kochen soll“ etwa leitet er von deutschen Kleinstädten zum Erfinder des Papptellers über, von da zum tschechischen Märchen, zum Rülpsen, zu Coca Cola, zum Lichtschalter, zur angeblich heilenden Wirkung des Eigenurins, zur Mundflora, zu Papiertaschentüchern, zum Einwegkopfkissen und schließlich zum französischen verb „rambucher“, was so viel heißt wie „das Wild in den Wald zurückjagen“. Wie gesagt: Hirnverbrannt, aber genial. Ich wälze mich auf der IKEA-Auslegware und das völlig und ganz ohne Drogen. Wie gesagt.

Peter Zemla



Max Goldt: Der Krapfen auf dem Sims. Alexander Fest Verlag, 176 Seiten, DM 29.80/ öS 218.-/ sFr 29.80. ISBN: 3-8286-0156-1

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