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Wladimir Kaminer: Ich mache mir Sorgen, Mama

29.07.2004

Die zwangsmodernisierte Schildkröte

Unterhaltung auf höchstem Niveau bietet Wladimir Kaminers neuer Erzählband. Mit abgründigem Witz beschreibt der Satire-Autor die Tücken des Alltags, lässt den bundesdeutschen Amtsschimmel wiehern und erklärt, warum sich russische Kriegsdienstverweigerer als Psychopathen outen müssen.

 

Es ist schon ein Kreuz mit der lieben Familie. Sohn Sebastian versucht sich um sechs Uhr morgens als autodidaktischer Trompetenbläser. Tochter Nicole erklärt Sankt Martin zum Chef des Religionsunterrichts. Frau Olga überlässt den Balkon einer wuchernden Monsterpflanze namens „Morgenrötchen“. Und für die rollige Siamkatze Marfa muss per Kontaktanzeige ein Partner her, weil sie sonst durchdreht.

Quickies mit Tiefgang

Tagtäglich also eine neue Herausforderung für Wladimir Kaminer, der mit dem Buch Russendisko zum gefeierten Jungautor avancierte und jetzt seinen neuen Erzählband vorlegt. In 51 höchst unterhaltsamen Kurzgeschichten beschreibt er kuriose Szenen aus dem Leben eines geplagten Familienvaters, schildert Absonderliches aus dem Mikrokosmos des Berliner Kiez und gewährt satirische Einblicke in deutsche Amtsstuben.

Kaminers Quickies, die meist nur ein paar Seiten umfassen, sind jedoch mehr als lustige, autobiographisch eingefärbte Anekdötchen. Ganz harmlos oftmals der Einstieg, unterwegs einige Abschweifungen, doch dann holt er hinterrücks mit abgründigem Witz zur Pointe aus.

Lauter bunte Legosteine

Warum er die deutsche Sprache liebt, erklärt Kaminer gleich zu Beginn. Anders als im Russischen könne man hier alle Worte zusammensetzen und so ständig neue Begriffe kreieren. Wie zum Beispiel Russendisko, eines von diesen „zusammengeklappten wunderbaren Worten“. Eine Art Lego-Baukasten ist Deutsch für ihn somit, in dem alle Teile zueinander passen.

Ein Spiel mit kleinen bunten Legosteinen treibt Kaminer auch in seinem Erzählband. Viele Geschichten ähneln sich thematisch und fügen sich nahtlos ineinander, bis ein harmonisches Ganzes entsteht. Der „Clash der Zivilisationen“ ist eines der Themen, das Kaminer von verschiedenen Seiten beleuchtet. Wie ein kleiner Junge, der staunend auf die Welt schaut, vergleicht er russische und deutsche Gepflogenheiten – von unterschiedlichen Riten bei der Einschulung bis zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer, für die man sich in Deutschland als Weichei und in Russland als Psychopath outen muss. Er schildert wie seine Landsleute als potentielle Mafiosi bei der Einbürgerung im deutschen Behördendschungel stecken bleiben und er selbst für die Aufenthaltsgenehmigung seines dreijährigen Sohnes Fragen nach dessen Vorstrafen beantworten muss.

In einer der intelligentesten Geschichten des Bandes schlägt Kaminer schließlich einen Bogen von der Gewaltverherrlichung in Kinderzimmern zu den USA, die den Irak im Namen des Fortschritts mit Bomben befrieden wollten. Mithilfe von Teilen aus Kriegsspielzeug unterwerfen erfinderische Siebenjährige eine lebendige Schildkröte einer erbarmungslosen Zwangsmodernisierung. Sie montieren ihr vier Räder, ein Segel und einen kleinen Ventilator auf den Panzer. Damit das Tier seine „Schnellbewegungsfreiheit“ heil übersteht, bekommt es noch eine Plastikhülle als Airbag um den Kopf. Doch das bedauernswerte Geschöpf weiß mit den Errungenschaften der westlichen Welt so gar nichts anzufangen und will einfach nur eine ganz normale Schildkröte sein.

Karin Scharschmied


Wladimir Kaminer: Ich mache mir Sorgen, Mama
Manhattan Verlag 2004
256 Seiten, 18,00 Euro
ISBN 3-442-54560-97

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