„Bisher hat noch jeder Mann genommen, was sie anbot. Es war nur keiner bereit, sich mit Haut und Haar kaufen zu lassen. Und das kann böse enden.“ Paul, gelernter Koch, lernt in Paris die stinkreiche Silvie samt deren Freundin kennen. „Aber ich habe nicht an Geld gedacht, nur an ein amouröses Abenteuer, an genau das eben, weshalb ein Mann normalerweise nach Paris fährt.“ Heirat, siebter Himmel, nur: Silvie „erträgt es nicht, wenn ein Mann sie verlassen will. In solchen Momenten ist sie unberechenbar“. Und was das bedeutet, stellt sich ungeahnt schnell heraus. Da muss man nur schnell mal eine Flasche Wein aus dem Keller holen.
Sie sind sehr spannend, die 21 Erzählungen, jede auf ihre Weise, mal geht’s ins Kriminalistische, mal tief in die Beziehungskiste. Freundinnen sind es, die die Geschicke lenken, irgendwie Verbandelte, deren Gefühle versteckt oder offen an irgendeinem Punkt der Geschichte dann plötzlich gar nicht mehr so freundlich sind, wie es den Anschein hatte. „Ich hatte doch keine Ahnung, was da im Gange war.“ Das Gefühl hat man auch oft während des Lesens, es sind so harmlose Alltagsgeschichten, so beginnen sie jedenfalls, alles erscheint arglos, geradezu banal, unspektakulär. Aber dann, ganz plötzlich, bricht die Kulisse zusammen, ist das Böse, das Unheil da. Ja, ein bisschen verrückt manchmal, skurril, ausgesprochen kurzweilig – so ist jede der Erzählungen ein absolutes Erlebnis.
Freudestrahlend ins Unglück
Da ist Josef, der seinen Freund, Klavierspieler in einer Bar, abends dort besucht. Er bittet ihn, seine Frau Elvira zu beschatten. „Dass Elvira ihn betrog, wußte ich besser als sonst einer.“ Alles klar, denkt man schnell, aber es wäre keine Hammersfahr-Erzählung, wenn zu dem ohnehin dramatischen Dreiecksverhältnis nicht noch der skurrile, manchmal makabre Schlenker zum Schluss käme. Und wenn Josef schließlich sagt: „Wahre Freunde sind selten geworden. Ich habe einen“, dann atmet man tief durch und fasst sich an den Kopf.
Unterhaltsam ist das Buch, der Plauderton der Autorin ist bemerkenswert, und natürlich beweist sie das schon bewährte Händchen für Bestseller. Es ist, als erzählte sie einer guten Freundin die Geschichten Kopf schüttelnd beim Kaffeetrinken: „... das wird mir nur niemand glauben, fürchte ich.“ Schon ist man im Kreise der Verschworenen, aufgenommen im Insider-Zirkel, ist Verbündeter und Eingeweihter. Aber auch aus dieser Position kann man das nahende Unheil nicht aufhalten, im Gegenteil, man muss miterleben, wie jemand „mit offenen Augen und auch noch freudestrahlend in sein Unglück rennt“.
Alltag ist nicht Alltag
Rudi, schüchtern, introvertiert, lernt Maddy kennen, das „Krallentierchen“, schrill, extravagant, schockierend. „Was an ihren Fingernägeln zu lang war, war an den Beinen zu kurz.“ Freund Helmut und die Ich-Erzählerin sind außer sich, wissen nicht, was sie tun sollen. Dann aber, auf irgendeiner Silvesterparty, glänzen auch plötzlich Helmuts bislang immune Augen „ungefähr so wie Maddys Strumpfhose“. Eine Tatsache, die filmreife Reaktionen hervorruft.
Es sind Geschichten, die es in sich haben. Präzise und absolut nicht vom Wege abweichend dirigiert Hammersfahr ihre Erzählungen auf den unheilvollen Punkt zu. Alltag, das macht sie ebenso talentiert wie genussvoll klar, ist noch lange nicht Alltag, es ist immer eine Sache der Perspektive.
Barbara Wegmann
Petra Hammersfahr. Die Freundin.
Erzählungen.
Wunderlich Verlag 2004.
Gebunden. 400 Seiten. Preis 17,90 Euro.
ISBN 3805207263