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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:04

 

L. F. Céline: Gespräche mit Professor Y

12.08.2004

 
„Hören Sie mir zu!“

Louis Ferdinand Céline definiert, in einer Art Programmschrift, sein literarisches Credo und liefert dabei eine höchst vergnügliche Polemik auf den Literaturbetrieb gleich mit. Es darf gelacht und gestaunt werden.

 

Seine „Reise ans Ende der Nacht“ hat ihn berühmt und gleichzeitig berüchtigt gemacht. Louis Ferdinand Céline gilt als Menschenverächter, als geradezu paradigmatischer Misanthrop, der seinen Hass auf alles und jeden, wo es ihm im realen Leben untersagt bleibt, in seinen Büchern und Schriften ausagiert. Dass hinter den Attacken, der Tobsucht und der Abscheu ein literarisches Konzept steckt, das von Céline bis aufs Äußerste ausgereizt wurde, mag für viele nur zu den sekundären Attributen seines Werks zählen. Zu effekthascherisch und skandalumwittert scheint die Biografie und Denkungsart der Person Céline zu sein, inklusive Gefängnisaufenthalten und antisemitischer Überzeugungen, als dass man sich überhaupt schadlos auf ein Werk allein konzentrieren könnte.

Da kommen die „Gespräche mit Professor Y“ gerade recht, kann das Buch doch durchaus als eine Art Programmschrift célineschen Schreibens gelten. In einer fingierten Interview-Situation macht der Ich-Erzähler, der hier ausnahmsweise mit dem Autor verwechselt werden darf bzw. muss, seinem Gegenüber, eben jenem Professor, der seinerseits ein Romanmanuskript in der Schublade liegen hat und inständig auf den großen Durchbruch hofft, die Grundaxiome seiner literarischen Arbeitsweise klar.

Doch über handwerkliche Eigenarten zu reden, wäre nur für Literaturwissenschaftler interessant, weshalb hier zwar auch über das Schreiben gesprochen, mehr aber das Schreiben vorgeführt wird.
Eine furiose Tirade entquillt der Feder/dem Mund des Autor-Ich, in deren Verlauf alles, was da kreucht und fleucht im Dunstkreis des sogenannten Literaturbetriebes, sein Fett wegkriegt.
„...nun ist meine Sache das Emotionale! der Stil der , ist er was wert? funktioniert er? ... ich sage: ja!“ Célines Schreibziel – und gleichzeitig, wenn man so will, der Weg seines Schreibens, den er wütend voranprescht – ergibt sich aus der Einsicht, dass Denken, Sprechen und Fühlen derart miteinander verzwirbelt sind, dass man, risse man sie auseinander, dem inneren Funktionieren der Welt eine Ungerechtigkeit antun würde. Der große Menschenhasser als Moralist? Warum nicht? Ästhetik (Ästhetizismus?) und Moral müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen. Und auch, wenn man sich Mallarmés Urteil anschließt, Verse seien nicht aus Ideen, sondern aus Wörtern gemacht, so muss man doch für Céline gelten lassen, dass seine Wörter unmittelbar aus von Ideen nicht abtrennbaren Gefühlen emanieren.

Ein unheimlicher Rausch ergibt sich aus Célines Prosa, in dem man als Leser mitunter zu ersticken droht. Man bekommt einfach keine Luft mehr. Die Atmung, die Herzfrequenz sind schon am Anschlag, und doch geht es immer noch weiter. Wer Geschwindigkeit übersetzt haben möchte in Prosa, der kann sich hier Anschauungsunterricht holen.

Nicht zuletzt haben wir es bei den Gesprächen mit einem witzigen Buch zu tun. Echte Schenkelklopfer, die über die imaginäre Theke gesprochen zu sein scheinen, wechseln sich ab mit polemischen Tiefschlägen und feinem Hintersinn. Wer hier nicht lacht, dem muss das Zwerchfell fehlen.

Von Lars Reyer


Louis Ferdinand Céline: Gespräche mit Professor Y
Aus d. Farnzös. v. Pierre Gallissaires u. Hanna Mittelstädt
Edition Nautilus Nachdruck 2004;
Kartoniert. 127 Seiten. 12,80 ¤
ISBN 3-89401-439-3

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