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Feridum Zaimoglu: Zwölf Sekunden Glück

16.08.2004

 
Zwischen Komik und Tragik

Die Romane „German Amok“ und „Liebesmale, scharlachrot“ machten ihn in der jüngeren deutschen Literaturszene bekannt. Nun gibt es von Feridun Zaimoglu einen Band mit einem Bündel von Erzählungen. Wer den Dichter noch nicht kennt, sollte die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen.

 

Feridun Zaimoglu ist beleibe kein zurückgezogen lebender Dichter, der sich mit der eigenen Seelenpein lange genug aufhält, um sie in gedrechselte Sätze zu verwandeln, wenn er denn welche verspürt. Statt dessen lebt er in der großartigen Stadt Kiel, die von so vielen verspottet wird und dennoch ein wunderbarer Ort im Norden ist, wo man den Puls der Zeit spüren kann und dennoch die Aussicht auf die Welt nicht durch die Heerscharen derer versperrt wird, die unbedingt Künstler werden wollen, ganz gleich welcher Profession. Muss man in Kiel gewesen sein, um Zaimoglu lesen zu können? Nicht unbedingt – aber es hilft. Und es macht einen noch empfänglicher für den Ton, in dem Zaimoglu schreibt und in dem er seine Geschichten in der Waagschale zwischen Komik und Tragik hält, ist er doch keiner der beliebt-beliebigen Multikultidichter, die sich das heimische Lehrerpersonal ins Regal stellt, um das eigene Einknicken in Fragen der Zuwanderung („Ja, schon, aber nicht so ...“) zu kaschieren. Nein – Feridun Zaimoglu ist ein entschlossener Mann und das mit dem „Mann“ kann man wörtlich nehmen.

Denn liest man sich durch seinen Band „Zwölf Gramm Glück“, der folgerichtig aus zwölf Geschichten besteht, dann kommt man nicht umhin seinen herben und – ja – männlichen Ton zu bewundern, der so ganz gradlinig und unbeschadet daher kommt. Eben weil Zaimoglu als Dichter (wie er als Privatmensch ist, das ist seine Sache) die Schäden kennt, die Männer erlitten haben und noch mehr sich selber beständig zufügen. „Der rein männliche Zustand ist idiotisch“, sagte er mal in einem Interview und er wird damit rechnen, dass ihm dieses Zitat von nun an folgen wird. Zu recht, zu recht! Denn darum geht es in seinen Geschichten: um einen, der sich voller Gewissheit und Tatendrang umbringen will und dann doch mit ihr zu Fuß durch die Nacht geht, obwohl er doch das zu Fuß gehen so hasst. Um einen geht es, der in den Urlaubsorten der türkischen Ägäis als Gigolo zu recht zu kommen versucht. Um einen, der nachts mit den Zähnen knirscht und um einen, der vor der seltsamen Aufgabe steht, zwischen einer strenggläubigen Muslimin und dem von ihr ausgesuchten Liebhaber ein Verhältnis zu arrangieren, in dem jegliche körperliche Annäherung keinen Platz hat und dennoch das Spiel von Anziehung und Heimlichkeiten gespielt werden darf.

Auslotung der Befindlichkeiten

Das wäre ein Blick auf den ersten Teil des Erzählbandes. Es folgt der zweite, der sprachlich und von den Handlungen her, unser westlich geprägtes Europa verlässt und dort hin weiterzieht, wo es heiß und auch stickig ist. Und hier endlich kann man sich dann selbst ertappt dabei fühlen, dass man dann doch erwartet, einer der „von dort unten kommt“, müsse sich doch auskennen und folglich etwas zu sagen können, über die dortige Mentalität, die uns so rätselhaft und zugleich gefährlich vorkommt, auch wenn Zaimoglu zuerst einmal aus der Türkei und genauer aus Anatolien kommt – früher einmal, lebt er doch seit mehr als 30 Jahren unter uns Deutschen. Und doch scheint er etwas bewahrt zu haben und sich noch mehr in einer Welt auszukennen, die so ganz anders zu sein scheint. Höhepunkt dabei die Erzählung „Gottes Krieger“, über einen jungen und anfangs noch bärtigen Mann, der gleichfalls sein Leben beenden will, doch nicht ohne vorher andere mit in den Tod zu nehmen, denn so sei es bestimmt. Doch laufen auch diesmal die Dinge anders, als sie vorgesehen sind. Die Zimmerwirtin wird es sein, die den jungen Krieger, der längst keiner mehr ist, was er noch nicht weiß, auf eine andere Spur setzt; eine ältere Frau, mit Männerhänden, die eine Pension führt, in der er bald den Kühlschrank füllt und für Ordnung sorgt, auf das sich das Rettende des Alltags einstellt. „Gottes Krieger“ ist so eine wunderbare, weil gespenstische und filigrane Geschichte, von einer geradezu obsessiven Genauigkeit in der Auslotung der inneren Befindlichkeit ihrer Akteure – und man kann wieder einmal staunen, was für Geschichten doch in Kiel geschrieben werden, wo stets ein rauer Seewind weht.

Frank Keil-Behrens


Feridum Zaimoglu: Zwölf Sekunden Glück.
Erzählungen.
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2004.
Gebunden. 234 Seiten, 17,90 ¤

Textauszug:

„In der Hochsaison des Widerstandes verließ ich mich auf eine Frau. Ich hatte noch achtunddreißig volle Tage zu leben, und dann wollte ich, ohne Rücksicht auf eine mögliche gute Wendung, einfach nach Plan Selbstmord begehen. Ich wusste, wie man sich die Pulsadern aufschneidet, ich kannte den kurzen Weg zum Tod. Ich hatte in Gedanken ein Unglück durchgespielt, das ich aus anderen Szenarien kannte, die Jungs trauten sich erst beim vierten Bier davon zu erzählen, wie ihre schönen aufgeschickten tadellosen Traumfrauen durchbrannten, und die Jungs mussten sich tadellos benehmen, eine große Schuld brannte sie aus und verwandelte sie in furchtbar frostige Waschlappen, ich wusste nicht, wie ihnen zumute war, ich hörte ihnen trotzdem zu.“

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