Wenn einer an die Börse geht, dann muss er was erzählen. Schon um die Analysten zu befriedigen. Im Gespräch bleiben, auf sich aufmerksam machen gehört zum kleinen Einmaleins des Parketthandels. Der Eichborn Verlag, über dessen Wohl und Wehe seit einigen Wochen nicht mehr im Feuilleton, sondern im Aktienteil nachzulesen ist, kennt sich in dieser Disziplin seit jeher gut aus. Doch für Überraschungen ist der Frankfurter Verlag und sein Ableger in der Hauptstadt immer gut.
Die neueste heißt "Countdown läuft" und versteht sich als literarische Dreingabe zur großen Ausstellung "Sieben Hügel - Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts", die derzeit in Berliner Gropius-Bau zu sehen ist. Gelinde gesagt ungewöhnlich ist schon mal die Verpackung dieses "Literaturprojekts". Nun mag man einwenden, auf das, was drin ist, komme es, zumal wenn es um Geschriebenes geht, vor allem an. Das hieße aber, den "Warenaspekt eines Buches" außer Acht zu lassen. Was in unseren Zeiten, in denen wenn schon nicht die Oberflächlichkeit, so doch die Oberfläche das Sagen hat, ein reichlich antiquierter Anspruch wäre. Also zum Äußeren: Das ist ein grauer simpler Pappkarton, der ein Pappkarton bleibt, auch wenn ihn der Verlag als "Space-Karton" verkauft. Sieben an Groschenromane gemahnende Hefte mit dem obligaten grobem Papier finden sich darin. Darauf wiederum haben sich sieben junge deutschsprachige Autoren am Thema Sciencefiction versucht. Das will gut zu dieser irgendwie improvisiert wirkenden Wundertüten-Anmutung passen, fristet doch gerade dieses Genre hier zu Lande ein Schattendasein in Taschenbuchreihen, wo keine Unterscheidung zwischen Schund und Meisterwerk gemacht wird.
Bekannte Namen finden sich unter den Schreibern, so etwa der Alfred-Döblin-Preisträger Michael Wildenhain, die Österreicherin Marlene Streeruwitz oder der in der Berliner Szene etwas geltende Tobias O. Meißner. Letzterer hat sich in seinem Kurzroman "Neverwake" in den Cyberspace vorgewagt und kommt zu der Erkenntnis, dass dort vielleicht tatsächlich eine schöne neue Welt auf uns wartet. Marlene Streeruwitz dagegen packt in "Dauerkleingartenverein Frohsinn" das Thema "Zukunft" von der satririsch-parodierende Seite an: Eine geklonte Sexsklavin macht sich nach dem Ableben ihres Herrn und Meisters auf die Suche nach der eigenen Identität. Falls es so etwas überhaupt noch geben sollte.
Qualitativ höchst unterschiedlich sind die einzelnen Beiträge von "Countdown läuft" ausgefallen. Spannende Auslotungen des Kommenden stehen neben brav geschriebenen Weltraummeditationen und verquastem Mythenrecycling. Doch alles in allem ist diese Sammlung ein interessanter Exot im gleichförmigen Meer der Neuerscheinungen. Nur: Ins Buchregal will der nicht so recht passen. Aber das muss ja nichts heißen.
Von Peter Zemla
Bodo-Michael Baumunk, Thomas Wohlfahrt (Hrsg.) Countdown läuft ... Eichborn Verlag, Sieben Hefte à 70 Seiten, 490 Seiten, DM 49.80