Katja Kullmann: Fortschreitende Herzschmerzen...
27.09.2004
Die kunstseidene Kosmetikerin
Systemkritik aus dem Schönheitssalon – in ihrer Erzählung „Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad“ zeigt Katja Kullmann soziale Schichten ohne Schminke.
Über hundert Jahre deutsche Sozialdemokratie ändern nichts an dem Grundgesetz: Runter kommt man die soziale Leiter immer noch leichter als hoch. Dass selbst der unbedingte Wille zur Anpassung kein Ticket zum sozialen Aufstieg ist, zeigt Katja Kullmanns Erzählung „Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad“. Dabei ist die Kosmetikerin Simone aus der bayrischen Provinz fest entschlossen, alle Spuren ihres kleinbürgerlichen und -geistigen Vorlebens auszuradieren. So fest, dass sie sogar Tonbandaufnahmen macht, um ein einwandfreies Hochdeutsch einzustudieren. Außerdem nennt sie sich mondän „Mona“. So wähnt sie sich bestens gerüstet für ihren neuen Job beim „Studio de la beauté“ im Souterrain eines Einkaufszentrums in der großen Stadt. Hier kommt bei pastellfarbenem Dämmerlicht und dauernder Duftbestäubung zusammen was nicht zusammen gehört – die reichen Ladys „von und zu“ und Mädchen wie Simone, die Abendroben und Defileés nur aus der „Gala“ kennen. Doch die Rollen sind verteilt, es ist klar, wer hier wem die Gesichtsmasken anrührt.
Schönheit trifft Bildung
Die geordneten Verhältnisse im Schönheitssalon geraten für Simone jedoch komplett durcheinander, als auf einmal ein Kunde auftaucht, dessen Universum noch fremder scheint als das ihrer neureichen Kundinnen. Der junge Mann arbeitet als Redakteur im Feuilleton der Lokalzeitung und benutzt andauernd Ausdrücke wie „Larmoyanz“ und „ontologisch“. Während sich Simone um seinen Teint bemüht, fackelt er ein imposantes Formulierungsfeuerwerk ab. Soviel Eloquenz macht sie sprachlos. Sie ist fasziniert und vor allem: verliebt. Umgehend beginnt sie die Zeitung zu studieren wie die Bibel einer fremden Religion. Doch genauso wie aus einer Simone nie eine echte Mona wird, wird aus einer provinziellen Kosmetikerin auch nie die Freundin von Feuilletonisten.
Gut gepflegter Standesdünkel
Bei ihrem Bestseller „Generation Ally“ unterstellte die Kritik Katja Kullman, Konsumkultur zu glorifizieren. Spätestens mit „Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad“ steht fest: Kullmann nimmt dezidiert politisch Stellung und scheut sich nicht, Systemkritik literarisch zu verarbeiten. Kein Eintritt ohne den entsprechenden Code, lautet die Bilanz der Erzählung, die Kullmann jedoch nie platt eins zu eins ausformuliert. Stattdessen enthüllt sie die Standesdünkel der Kulturschickeria durch die groteske Bewunderung einer Außenstehenden. Ganz sicher macht Simone bei ihren verzweifelten Annäherungen ans Bildungsbürgertum keine gute Figur. Aber am Ende kommt der Feuilletonist noch schlechter weg. Sein aufgeblasenes Geschwafel stellt Kullmann ebenso bloß, wie seine bourgeoisen Allüren. Den feuilletonistischen Bonmots setzt sie einen relativ schlichten Erzählstil entgegen, für den der merkwürdige Titel glücklicherweise nicht repräsentativ ist.
Kerstin Meier
Katja Kullmann: Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad.
Eine Erzählung.
Kiepenheuer&Witsch 2004.
Gebunden. 176 Seiten; 14,90 Euro,
Textauszug:
Der Himmel über der Stadt war gelb, der Wind zu leicht du zu warm für die Jahreszeit, und sie hatte sich verliebt. So hätte sie es allerdings nicht ausgedrückt, wenn sie jemandem davon erzählt hätte. Sie hätte nicht zugegeben, dass sie an nichts anderes mehr denken konnte als an ihn. Sie fand sich kaum zurecht in diesem Zustand, mit dem sie nicht gerechnet hatte und der ihre Tage auffraß. Es waren unbewegliche Tiefdrucktage. Es hätte einmal stürmen müssen, fand sie, allein der Durchlüftung wegen. Doch über den Leichtmetalldächern hatte sich eine klebrige Milde breit gemacht, die nach Rost roch, und es kam ihr seltsam vor, dass die Verliebtheit sich anfangs immer ähnlich anfühlt, egal an welchem Ort, ganz gleich welches Wetter, und obwohl diejenigen, in die man sich im Lauf der Zeit verliebt, durchaus verschieden sind. Einmal, zweimal, zehnmal mag es einen erwischen in einem Leben, und jedes Mal ist es eine altbekannte Angelegenheit, aber doch so neu und vielversprechend, dass man vor Begeisterung die Stirn nicht fände, wollte man sich mit der flachen Hand drauf schlagen. Nie kann der Mensch wissen, will gar nicht wissen, wohin es führt, jenes eine, frisch verliebte Mal. Immer könnte es bedeutend sein, immer ist er oder sie ganz Anfänger, eine Weltstadt ändert nichts daran.