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David Sedaris: Nachtprogramm

01.11.2004

 
David Sedaris und Die Skurrilität des Alltäglichen

Sedaris’ Geschichten beleuchten ironisch die Untiefen des „american way of life“, in die er seine Protagonisten gnadenlos versinken lässt.



 

David Sedaris ist zur Zeit wohl einer der interessantesten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Vergleichbar – wenn überhaupt, mit Altmeister Mark Twain, der ähnlich abstruse Kurzgeschichten über scheinbar Alltägliches verfasste. Sedaris’ Geschichten beleuchten ironisch die Untiefen des „american way of life“, in die er seine Protagonisten gnadenlos versinken lässt.

In seinem neuesten Buch „Nachtprogramm“ bevölkern Fernsehsüchtige, eine reiche Tante mit Schwäche für ausgestopfte Tiere und, wie immer, seine allgegenwärtige Familie 23 schauerlich schöne Erzählungen. Mit seinem unfehlbaren Gespür für Situationskomik offenbart er Episoden aus seinem Leben, die die meisten seiner Mitmenschen nicht einmal ihrem Tagebuch anvertrauen würden.

David Sedaris hört genau hin und macht sich seine eigenen Gedanken. So wird in der Erzählung „Sechs bis acht schwarze Männer“ seine Vorstellung, was ein traditionelles Weihnachtsfest ausmacht, durch einen holländischen Taxifahrer schwer auf die Probe gestellt.
„Die Wörter albern und realitätsfremd erhielten eine neue Bedeutung, als ich erfuhr, dass der Heilige Nikolaus allen Ernstes mit 'sechs bis acht schwarzen Männern' unterwegs war.“

Ein Nikolaus, in Begleitung einer mobilen Einsatztruppe, der Kinder in einen Sack steckt und tritt; das ist für jemanden, der einen immer freundlich lächelnden Hochglanzweihnachtsmann gewöhnt ist und obendrein Erfahrungen als Weihnachtself im New Yorker Kaufhaus Macy’s vorweisen kann, nur schwer zu verdauen. Man merkt ihm einen Hauch von Neid an, denn diese Version der Weihnachtsgeschichte hätte durchaus seinen Gedanken entspringen können - und statt der sechs bis acht Männer hätte er mit seinen Schwestern wohl gerne deren Rolle übernommen, wobei seine Mutter - was wäre naheliegender - die Aufgabe übernommen hätte, widerspenstige Kinder in einen Sack zu sperren. Ihre eigenen sperrt sie in der Geschichte „Lass es schneien“ kurzerhand aus, um ihre Ruhe zu haben. Selbst als ihr Nachwuchs Stunden später durchgefroren vor der Tür steht, macht sie keinerlei Anstalten, ihn hereinzulassen. „Als es zu dämmern begann und kälter wurde, kam uns der Gedanke, dass wir erfrieren könnten. So etwas kam tatsächlich vor. Egoistische Mütter, die das Haus für sich allein wollten, und Jahre später entdeckte man ihre Kinder, steif gefroren wie Mastodons in dicken Eisklötzen.“

Um ihre junge Leben nicht mit dem Erfrierungstod zu beenden, beschliessen die Geschwister, ihre Schwester Tiffany zu opfern, nicht zuletzt, um ihren Eltern damit eine Lehre zu erteilen. Die Kleine muss sich mitten auf die Strasse legen und die Älteren warten am Strassenrand darauf, dass sie überfahren wird. Ein Nachbar informiert schliesslich die Mutter. Eine zu Tode erschrockene, nur halb bekleidete Mrs. Sedaris, die unterwegs zu ihren Kindern auch noch ihre Hausschuhe im Schnee verliert, lässt Mitleid aufkeimen: Statt sich gegenseitig mit Vorwürfen zu überhäufen, wird gemeinsam nach den Schlappen gesucht. Eine seltsame Form der Deeskalation, aber typisch Sedaris.

Von ihrer Opferrolle offensichtlich nachhaltig traumatisiert, taucht Tiffany in der Geschichte „Mach den Deckel drauf“ als Messie, der von anderer Leute Abfall lebt, wieder auf. Reinigungsfanatiker David Sedaris fällt beim Anblick ihres verwüsteten Küchenbodens fast ins Delirium, und ihm erscheint seine Schwester als eine Art behufte Miss Lucifer. „An den Knöcheln meiner Schwester befinden sich Fortsätze, die über Zehen und einen Spann verfügen, aber ich würde nicht Füße dazu sagen. Von der Farbe her erinnern sie an die ledrigen Pfoten von Menschenaffen, doch was die Festigkeit angeht, gleichen sie eher Hufen.“
Schliesslich gewinnt die Bruderliebe die Oberhand und er versucht, ein wenig Ordnung ins Leben seiner Schwester zu bringen, obwohl er sich dabei bewusst ist, dass seine Lebensauffassung nicht die ihre ist.

Ganz anders sieht das Verhältnis zu seiner Schwester Amy aus. Unter dem Namen „The Talent Family“ verfassen sie gemeinsam Theaterstücke. Amy Sedaris dürfte einigen Lesern auch als Schauspielerin u.a. aus der US-Serie „Sex and the City“ bekannt sein, wo sie bezeichnender Weise den Part von Carrie Bradshaws Verlegerin Courtney Masterson spielte.

David Sedaris lebt seit einigen Jahren mit seinem Freund Hugh in Paris. Er arbeitet viel für den Rundfunk und pendelt dafür ständig zwischen Paris und London umher. Zur Zeit schreibt er an seinem ersten Roman.

Kristina Rickmers, Artikelagentur artur

Zum Interview mit David Sedaris


David Sedaris: Nachtprogramm.
Ins Deutche übersetzt von Georg Deggerich.
Heyne 2004.
Gebunden. 290 Seiten. 20 ¤.
ISBN: 3-453-00079-X

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