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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:07

 

Mian Mian: Deine Nacht, Mein Tag.

04.11.2004

„...Wir haben keine Lust mehr zu warten.“

Mian Mian und die Ungeduld der Generation X. Die chinesische Autorin Mian Mian beschreibt in ihren Geschichten eine neugierige Generation, die sich dem Lebensstil des Westens öffnet, ohne die eigenen Wurzeln zu ignorieren. Dabei verleiht sie ihren Figuren eine Authentizität, die berührt.


 

Shen Wang, Jahrgang 1970, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Mian Mian, ist längst zur Ikone der jungen Generation Chinas geworden. Sie ist Vorreiterin einer neuen Liga junger chinesischer Autorinnen, wie z.B. Wei Hui („Shanghai Baby“) und Chun Sue („Beijing Doll“), deren Hauptthemen das Leben und Überleben in Chinas Metropolen sind.
Mian Mians Debüt „Lalala“ (1997) und der im Jahr 2000 folgende Roman „Candy“ fielen kurz nach ihrem Erscheinen der staatlichen Zensur zum Opfer. Erst 2002 wurde dieses Verbot wieder aufgehoben. Ihr neuestes Werk „Deine Nacht, mein Tag“ ist vor kurzem in Deutschland erschienen.

Die sieben Erzählungen spiegeln eine Generation X wieder, die alles ausprobieren will, die schnell und kompromisslos lebt, analog zur rasanten Entwicklung in Chinas Großstädten. Diese jungen Frauen und Männer imitieren den Lifestyle des Westens, bleiben aber dennoch in der eigenen Kultur verwurzelt. Auch wenn die Geschichten den westlichen Leser eher an die wilden 60er/70er Jahre erinnern, steckt doch mehr dahinter als reißerische Stories über Sex, Drogen und Aids. Mag man die Handlungen der Protagonisten nicht immer nachvollziehen können, so doch oft ihre Gedanken. Und gerade dort zeigt sich Mian Mians Stärke: Sie verleiht ihren Figuren eine Authentizität, die berührt. Sie erzählt deren Geschichten kompromisslos, aber dennoch mitfühlend, zeichnet ihre Träume und Wünsche nach, die oft genug in bitterer Enttäuschung und Ernüchterung enden. Dennoch geben die Protagonisten nicht auf, sie machen weiter und hoffen, irgendwie zu überleben.

Vielen von Mian Mians Charakteren liegen Personen aus ihrer persönlichen Umgebung zugrunde, Freunde, Verwandte oder einfach nur Zufallsbegegnungen auf einer der zahlreichen Partys, die sie frequentiert. So kämpft etwa in der Titelgeschichte die junge Chinesin Little Shanghai um ihren Platz im Leben: Auch sie ist einer Freundin Mian Mians nachempfunden. Mit falschen Versprechungen in die Großstadt gelockt, muss Little Shanghai für ihren Freund im Fahrstuhl eines Hotels anschaffen gehen - die Nacht wird ihr Tag, und es folgen viele Nächte. Es ist letztendlich nicht ihre Zuversicht, sondern ihr Körper, der sie im Stich lässt.
Die Geschichte offenbart, dass der Stellenwert der Frau auch im modernen China nicht sehr hoch ist. China hat das Jahr 2004 zwar zum Jahr der Gleichberechtigung erklärt, um der Diskriminierung von Frauen entgegenzuwirken, ob sich wirklich etwas ändert, bleibt abzuwarten.

Ungeduldige Geschichten – voller Tempo und Aktualität

Mittlerweile Mutter einer vierjährigen Tochter, haben Mian Mians Geschichten nichts von ihrer Aktualität und ihrem Tempo eingebüßt, die Drogen hat sie zwar hinter sich gelassen, nicht so die Erinnerung daran. In der Geschichte „Die Patientin“, reflektiert sie ihre Erfahrung in einer Entzugsklinik, in der Drogenabhängige mit Geisteskranken zusammengepfercht werden. Die Ich-Erzählerin in der Geschichte hat dafür nur einen lakonischer Kommentar übrig: „...und ich fand, dass die Kommunistische Partei (einschließlich meines Vaters) ganz schön hart drauf sei, Leute auf Entzug und kriminelle Geisteskranke zusammen in einer Klinik zu behandeln. Auf diese Weise wollten die Junkies nach ihrer Entlassung bestimmt nie wieder etwas mit Drogen zu tun haben.“

Chinas Wirtschaft boomt und kann mit Wachstumsraten aufwarten, von denen die westlichen Länder nur träumen. 2008 ist Beijing (Peking) Austragungsort der Olympischen Spiele. Das Land öffnet sich scheinbar Richtung Westen. Scheinbar, denn noch immer werden unliebsame Themen unter den Tisch gekehrt, Regimegegner wandern ins Gefängnis, Filme und Bücher werden verboten, wenn sie unbequeme Themen ansprechen. Trotzdem emigriert Mian Mian nicht wie ihre älteren Kollegen Lulu Wang oder der Nobelpreisträger Gao Xingjian ins Ausland. Das mag daran liegen, dass Politik für sie kaum eine Rolle spielt. „Ich schreibe, um meine Liebe auszudrücken. Meine Vergangenheit ist in meinem Herz begraben. Einige dunkle Erlebnisse werden mich nie verlassen. Aber nur das Schreiben konnte mein Leben bedeutungsvoll machen.“

Eines dieser dunklen Erlebnisse beschreibt Mian Mian in der Geschichte „Wir fürchten uns”. Offen spricht sie darin das Thema Aids an - in China, das die Existenz der Krankheit im Reich der Mitte bis vor kurzem hartnäckig leugnete, gab es lange Zeit keine Möglichkeit, sich über Aids zu informieren. Und über allen Versuchen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, schwebt die Gefahr einer Verhaftung. Die Erzählung offenbart aber auch die Ungeduld der jungen Generation: „Wir sind mit russischen und nordkoreanischen Filmen groß geworden, nun hören wir Musik aus England, sitzen bei Instantnudeln in der Küche, befürchten, Aids zu haben, rauchen Hasch aus Xinjiang, nehmen Medizin für drei Kuai die Packung, und wenn wir high sind, können wir Punk hören und uns einreden, es sei Rave, was soll’s, wir haben keine Lust mehr zu warten.“

Kristina Rickmers, Artikelagentur artur

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