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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:07

 

Ingrid Noll: Falsche Zungen

08.11.2004

 

Nolls Nähkästchen

Ingrid Noll sammelt in „Falsche Zungen“ 25 Stories in gewohnt bitterbösen, mörderischen, heimtückischen und kaltblütigen Manier.


 

„Obwohl Holger ja Tag für Tag in der Schule hockte, schilderte er doch ausführlich, wie er in einem anderen Erdteil an bestialischen Verbrechen teilnahm.“ Muttern liest Sohnemanns Tagebuch und daraus entsteht eine Kommunikation mit „Falschen Zungen“, so der Titel der Aufmacher-Geschichte in Ingrid Nolls neuem Buch. Und die ist Klasse! Da stimmt alles, der so arglose und harmlose Beginn steuert wie eine gut gesetzte Kegelkugel auf sein unweigerliches Ziel zu. Zehn Seiten, die die typische Handschrift ihrer Romane tragen. Es ist die beste aller Geschichten, der gewohnt bitterbösen, mörderischen, heimtückischen und so kaltblütigen Stories. Es ist auch eine der wenigen Erstveröffentlichungen, manch andere Geschichten sind bekannt, hier noch einmal zu insgesamt 25 zusammengefasst, darunter auch ganz private Erzählungen aus „Nolls Nähkästchen“.

Nicht immer ausgereift und glatt geschliffen

Das Buch hält aber leider nicht das, was die erste Geschichte verspricht, es ist nicht die Ingrid Noll, die man kennt, schätzt und liebt, deren brillant ausgetüftelte Morde und Verbrechen einen das Fürchten lehren. Vielleicht liegt es auch an der Mischung von eiskalt ausgedachten zwischenmenschlichen Katastrophen und manch hautnah erlebten ganz persönlichen Momenten – nicht unbedingt jedermanns Sache. Von „Müttern mit Macken“ erfahren wir ungeahnte Zusammenhänge: Was passiert zum Beispiel, wenn Frauchen die Pille absetzt und der Mischlingshund Klärchen läufig ist? Hat man sich verrechnet und ist das Frühchen gar kein Frühchen, da so „ungewöhnlich groß“, fragt man sich in einer anderen Geschichte. Oder, was geht in einer Frau vor, die offen gesteht: „Der Karneval in Köln schien mir prädestiniert für eine kurze, zweckgebundene Affäre...“.
Geschichten mit Überraschungen, ungeahnten und skurrilen Wendungen, aber doch eben nicht immer ausgereift und glatt geschliffen.

„Wir bringen Sie um die Ecke“

„Ab ihrem fünfzigsten Lebensjahr gab es kaum mehr ein anderes Motiv für meine Frau als mich. Ihr Lebenswerk ist zu einer gigantischen Sammlung menschlicher Hässlichkeiten geraten, alle am Beispiel ihres eigenen Ehemanns.“ Fotografisch zementierter Hass zwischen zwei Eheleuten – Ingrid Noll seziert mit scharfen Worten.

Die Geschichten aus dem Kapitel „Lausige Liebhaber“ umfasst ein Thema, das der Autorin bekanntermaßen ganz besonders am schriftstellerischen Herzen liegt. „Jugendliche Naive geht mit ihrem Vorgesetzten ins Bett und macht sieben Jahre lang Überstunden wie eine Weltmeisterin“. Klare Sache, das kann nicht gut gehen und wen wundert‘ s: „Das brachte mich ...dazu, in aller Eile einen teuflischen Plan zu schmieden.“ Diese teuflischen Pläne ihrer so charmant mordenden Akteure sind es, die die Handschrift und den Erfolg der Autorin ausmachen und liest man ihre persönlichen Anmerkungen und Erlebnisse, dann, offen gestanden, freut man sich auf ihren hoffentlich nächsten richtigen Roman. Sie kriegt Ärger mit Ehemännern, weil Frauen nachts nicht aufhören können, ihre Bücher zu verschlingen, sie wird gefragt, ob ihr Mann Angst vor ihr hat und wie man überhaupt auf derartig Mordgedanken kommen kann. Und letztlich bieten ihr ihre Fans nach Lesungen von Herzen kommend an: „Wir bringen Sie noch um die Ecke“.

Barbara Wegmann


Ingrid Noll: Falsche Zungen.
Gesammelte Geschichten.
Diogenes Verlag 2004
Gebunden. 252 Seiten. 18,90 ¤.
ISBN: 325706432

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