Sudabeh Mohafez: Wüstenhimmel Sternenland
08.11.2004
Zwischen Okzident und Orient
Ein eindringliches Bild vom Leben zwischen Okzident und Orient zeichnet Sudabeh Mohafez in dem Erzählband Wüstenhimmel Sternenland. In einer poetischen Sprache erzählt die Deutsch-Iranerin von dem Überlebenswillen und der Sehnsucht nach Geborgenheit in einer einsamen und gewalttätigen Welt.
Mitten in Berlin, zwischen Tränenpalast und altem Brecht-Theater, erhebt sich plötzlich der Damâwand aus der Spree. Das zerklüftete, fast 6000 m hohe Felsmassiv vor den Toren Teherans verschwindet ebenso abrupt wie es erschienen ist und lässt die Erzählerin in ihrer neuen Heimat zurück – ein wenig verloren und in ihre Imagination versunken, aber auch von einem unbändigen Überlebenswillen getragen.
Die Sehnsucht nach einem sicheren Ort
Von der Einsamkeit in der Fremde wie auch in der vertrauten Umgebung, von magischen Welten, die eine oftmals grausame Realität mit Erinnerungsfetzen, Träumen und Visionen durchsetzen, erzählen die Geschichten von Sudabeh Mohafez. Die deutsch-iranische Autorin, die seit ihrem 16. Lebensjahr in Berlin lebt, zeichnet in dem Debütband „Wüstenhimmel Sternenland“ das eindringliche Bild verlorener Menschen, die sich nach Geborgenheit sehnen und um ihre Würde oder das nackte Überleben ringen – sei es im Orient oder im Okzident.
Da ist das Kind, das während eines Familienfestes mit ansehen muss, wie einem Kamel mit dem Säbel die Halsschlagader geöffnet wird und den elenden Todesschrei des Tieres nicht vergessen kann. Da ist die Putzfrau aus einem Armenviertel Teherans, die verzweifelt versucht, ihre deutsche Arbeitgeberin mitsamt ihrem Kind aus den Klauen des gewalttätigen Familienoberhauptes zu retten. Und da ist der Vorstandsvorsitzende einer Bank, der ein perverses Spiel mit seinem Sohn spielt. Wie ein Leibeigener wird der Sohn gehalten, muss den despotischen Vater verlassen, um nach einigen Tagen wieder heimzukehren und sich windelweich prügeln zu lassen: „Dieses spezielle Glück, das ich ihm bereitete, indem ich ihn regelmäßig verließ, um wiederzukehren, brachte eine Spannung in sein Leben, die durch nichts zu ersetzen war.“
Grausame Realität, magische Welten
Stets geht die Gewalt in Mohafezs Geschichten von Männern aus, auch wenn die Unterdrückten – meist Kinder und Frauen – durch ihre Passivität den status quo aufrechterhalten. Und so plastisch die Autorin eine ungeschönte Realität beschreibt, so poetisch schildert sie die Fantasiewelten ihrer Figuren, die aus der Imagination Kraft schöpfen, gar unverwundbar werden. In der zauberhaften Titelgeschichte des Bandes erzählt die kleine Lea ihrem Freund Konstantin, wie sie vom Vater während einer Autofahrt mitten in der Wüste ausgesetzt wurde und sich trotz ihrer Angst unter dem funkelnden Sternenhimmel geborgen fühlte. Wie Balsam legen sich Leas Worte um Konstantin, der sich so sehr vor einer Operation fürchtet, findet er Trost und Schutz in der Welt, die seine Freundin für ihn erschafft.
Karin Scharschmied
Sudabeh Mohafez: Wüstenhimmel Sternenland.
Arche Verlag 2004,
Geb. 128 Seiten. 18 Euro.
ISBN 3-7160-2332-9