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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:07

 

Hans Magnus Enzensberger: Dialoge...

11.11.2004

 
Versöhnliche Altersweisheit

Dialoge zum 75. Geburtstag des Büchner-Preisträgers Hans Magnus Enzensberger am 11. November


 

Hans Magnus Enzensberger ist immer für Überraschungen gut. Vor fünf Jahren legte er den Lyrikband "Leichter als Luft" mit dem antiquiert anmutenden Untertitel "moralische Gedichte" vor, und in diesem Jahr bewegte er sich literarisch gleich zweimal mit großen Schritten in die Vergangenheit. Der einstige Bürgerschreck Hans Magnus Enzensberger entwickelt sich immer stärker zum Bewahrer des klassischen Bildungsgutes - das Resultat eines fast 50 Jahre währenden künstlerischen Entwicklungsprozesses mit vielen Brechungen.
In seiner "anderen Bibliothek" hat Enzensberger ein ebenso gewagtes wie lobenswertes verlegerisches Projekt gestartet - die Neuauflage von Humboldts fast tausendseitigem "Kosmos".

Und pünktlich zum 75. Geburtstag des Georg-Büchner-Preisträgers von 1963 ist nun im Suhrkamp Verlag ein Band mit fiktiven Dialogen erschienen. In Zeiten multimedialer Banalisierung des Alltags bricht Enzensberger eine wortgewaltige Lanze für die geistreiche Konversation, für das Zwiegespräch auf hohem intellektuellem Niveau und für eine anspruchsvolle Streitkultur. Dabei öffnet er dem Leser gleichzeitig die Türen zu großen Dichtern und Denkern - vor allem zu dem von ihm verehrten Diderot und zu Goethe. Es ist für diesen Band keineswegs ein Makel, dass nur zwei (und dies sind die schwächsten) der acht enthaltenen Texte bisher unveröffentlich waren. In dieser Zusammenstellung wirken sie wie eine Einladung zu einer Zeitreise durch die jüngere Geistesgeschichte.

In der jüngeren Vergangenheit zeigte sich schon häufiger Enzensbergers starke Affinität zu historischen Stoffen: bei den Theaterstücken "Eine romantische Frau" (1990) und "Diderot und das dunkle Ei" (1993), bei der Calderon-Interpretation "Die Tochter der Luft" (1993), beim ein Jahr später erschienenen Band "Diderots Schatten" und bei den Theaterstücken "Nieder mit Goethe" (1996) und "Der Untergang der Titanic" (1999).

Enzensbergers Faible für Dichter und Denker vergangener Epochen hat auch einen handfesten biografischen Hintergrund, denn schon 1955 promovierte er mit einer Arbeit über die Poetik Clemens Brentanos. Doch die literarischen Anfänge des heute* vor 75 Jahren in Kaufbeuren geborenen Autors waren von ganz anderem Kaliber.

1957 stieß der erste Gedichtband "Verteidigung der Wölfe" auf ein beachtliches Echo, und Enzensberger gehörte fortan (als eines der jüngsten Mitglieder) zur renommierten "Gruppe 47". Deren Gründungsmitglied Alfred Andersch attestierte nach dem Erscheinen des Lyrikbandes "Landessprache" (1960), dass es sich um "große politische Gedichte" handelt.
Enzensberger präsentierte sich in seinen frühen Gedichten als vehementer Gegner der Wiederaufrüstung und fand vor allem im linken Lager ein nachhaltiges Echo.

1965 gründete er die politisch-literarische Zeitschrift "Kursbuch", die für undogmatische Linke eine neue "publizistische Heimat" bieten sollte. Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung schrieb Enzensberger: "Die ganze Veranstaltung schmückt sich mit dem Namen Kulturrevolution, aber sie sieht einem Jahrmarkt verdammt ähnlich."

Damit hatte er sich wieder Luft verschafft, den notwendigen politischen Freiraum für seine literarische Arbeit, die fortan von vielen Kritikern jedoch nicht nur nach künstlerischen, sondern auch nach politischen Kriterien seziert wurden.
Mit dem Image des "enfant terrible" konnte der skeptische Querdenker Hans Magnus Enzensberger all die Jahre gut leben. Seine Töne sind mit der Zeit versöhnlicher geworden, seine Bissigkeit ist einer altersweisen, leichten Melancholie gewichen.
Da er es schaffte, dass Humboldts Monumentalwerk "Kosmos" zum Preis von 99 Euro bisher schon mehr als 25000mal verkauft wurde, darf man ihm heute* aus doppeltem Grund gratulieren.

Peter Mohr


Hans Magnus Enzensberger: Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004,
Gebunden. 215 Seiten. 19,80 Euro

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