Es war schon eine kleine Überraschung, als die Darmstädter Akademie im Mai bekannt gab, dass Wilhelm Genazino in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis erhält. Nun scheint es so, als wolle der Carl Hanser Verlag, der dem Autor seit vielen Jahren die Treue hält, an der bedeutendsten literarischen Auszeichnung des deutschsprachigen Raums kommerziell partizipieren. Ein Band mit 18 Essays und Aufsätzen wurde – stärker marktwirtschaftlichen Strategien als künstlerischen Motiven folgend – schnell auf den Markt gebracht.
Zu schnell, wie man gleich zu Beginn des Bandes erfahren muss. Weder für das Lektorat des renommierten Münchener Verlagshauses noch für den mit frischem Lorbeer bekränzten Autor ist es ein Ruhmesblatt, wenn man liest: „Das war in den siebziger Jahren, als Willy Brandt Regierender Bürgermeister West-Berlins war.“ Tatsächlich ging schon 1974 Brandts Kanzlerzeit nach der Guillaume-Affäre zu Ende, zuvor war er Außenminister und seine Berliner Regentschaft dauerte vom 3.10.1957 bis zum 1.12.1966.
Doch es stört nicht nur dieser (unverzeihliche) Ausrutscher. Wenn Wilhelm Genazino zu aktuellen Themen (Rechtsradikalismus, Literaturbetrieb) Stellung bezieht, dann geschieht dies häufig auf einer moralischen Ebene, die haarscharf an der Peinlichkeit vorbei schrammt.
Dass Kritiker vom Schreiben keine Ahnung haben, war schon häufiger zu vernehmen. Wenn Genazino zum Thema Rechtsradikalismus allerdings ein hundertfach in Talkshows abgesondertes Statement paraphrasiert („Ich habe nicht den Eindruck, daß unsere Politiker den Rechtsradikalismus adäquat einschätzen.“), klingt dies schon wenig originär. Einige Seiten später degradiert sich der Büchner-Preisträger sogar selbst noch zum Parolenschmied: „Diese Notbremse, Herr Schily und Frau Däubler-Gmelin, müssen Sie ziehen.“ Sind das Dichterworte oder Platitüden?
Diese zu Anfang des Bandes platzierten Texte trüben den Gesamteindruck nicht unerheblich. Es gibt aber auch äußerst gelungene Passagen, in denen der leise, wohl bedachte Tonfall aus Genazinos Romanen wieder zu erkennen ist. Im Text „Der gedehnte Blick“ beschreibt der 61-jährige Autor seine Gedanken über ein auf einem Flohmarkt gekauftes altes Foto, das auch den Umschlag des Bandes ziert. Hier ist Genazino ganz bei sich, als minutiöser Beobachter, der die eingefangene Momentaufnahme der beiden leicht melancholischen Kinder subtil analysiert.
Außerdem setzt sich der in Frankfurt lebende Autor in diesem Band mit vielen Größen der Literaturgeschichte auseinander. Man erfährt, dass ihm Robert Musil augenscheinlich näher ist als Thomas Mann, dass Subjektivität ein entscheidender Faktor für gute Literatur sei und „Werkphantasie eine Größenphantasie“ sein müsse. Wiederholt bricht er zudem eine Lanze für unterschätzte Dichter wie Marie-Luise Fleißer, Undine Gruenter und Friederike Mayröcker – hoch gelobte und anspruchsvolle, aber wenig gelesene Autorinnen. Ein Schicksal, dass der „literarische Großstadtflaneur“ Genazino viele Jahre lang am eigenen Leib erfahren hat.
Dass er nun im Oktober den Georg-Büchner-Preis erhalten hat, ist eine wohl verdiente Auszeichnung. Der vorliegende bunte, leicht angewelkte Gedankenstrauß dieses Bandes hingegen ist alles andere als preiswürdig. Als künstlerisches Korrektiv empfiehlt sich, schnell noch einmal zu Genazinos vorzüglichen, im letzten Jahr erschienenen Roman „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ zu greifen.
Peter Mohr
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Wilhelm Genazino: Der gedehnte Blick.
Carl Hanser Verlag, München 2004,
Geb. 190 Seiten, 17,90 Euro (SFR 32,50)