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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:08

 

Haruki Murakami (Hg.): Birthday Stories.

10.01.2005

 
Wenn du Geburtstag hast...

Vertrautes wird fremd und Fremdes plötzlich vertraut – alles ist eben anders am Geburtstag. Haruki Murakami hatte sich zu seinem 55. Geburtstag illustre Gäste eingeladen...

 

Der mittlerweile auch in Deutschland recht bekannte Haruki Murakami, japanischer Bestsellerautor und besonders im englischsprachigen Raum schon seit vielen Jahren zum Kultautor avanciert, feierte am 12.01.2004 seinen 55. Geburtstag. Grund genug, sich Gäste einzuladen. Elf sind es an der Zahl, darunter so bekannte wie etwa Raymond Carver und David Foster Wallace. Entstanden ist ein Band mit zwölf Kurzgeschichten, die allesamt etwas zum Thema Geburtstag zu erzählen haben.Geburtstage sind merkwürdige Anlässe, denn man gedenkt einer Begebenheit, die schon lange zurückliegt. Einer Begebenheit, die etwas Neues in die Welt brachte – ein neuer Mensch betrat die Welt. Kein Wunder also, dass an einem solchen Tag Konflikte meist bedeutsamer erscheinen als an den übrigen Tagen und sich so für besondere Wendungen geradezu anbieten. Und so vereint der Kurzgeschichtenband auch durchweg Stories, die solche Wendepunkte für die jeweiligen Protagonisten inszenieren. Vertrautes wird da oft fremd und Fremdes plötzlich vertraut – alles ist eben anders am Geburtstag.

Zwölf Geschichten

Jede Geschichte bezieht sich hier auf ein spezielles Binnenthema, und es zeigt sich, mit welch unterschiedlichen Bedeutungsebenen das Rahmenthema Geburtstag variiert werden kann. Gleich zu Beginn geht es um die Vergänglichkeit der Gefühle. In „Der Mohr“ von Russel Banks, trifft der Ich-Erzähler, mittlerweile in die Jahre gekommen, seine frühere Geliebte, die, dreißig Jahre älter, mittlerweile eine alte Dame von achtzig Jahren geworden ist. Die emotionalen Konsequenzen daraus sind sehr lesenswert. Vom Verfall der körperlichen Hülle handelt „Dundum“ von Denis Johnson, wo sogar ziemlich knallhart gestorben wird – und das am Geburtstag – na sowas. Eine ziemlich traurige Geschichte ist „Timothys Geburtstag“ von William Trevor, in der von einem älteren Ehepaar erzählt wird, das auf ihren Sohn wartet, der Geburtstag hat. Statt dort hinzufahren, schickt dieser aber einen Bekannten vorbei, der das rührige Paar, nachdem sie ihn nach Kräften bewirtet haben, auch noch bestiehlt. Das ist schon ziemlich böse.

Um viel Boshaftigkeit geht es auch in „Die Geburtstagstorte“ von Daniel Lyons, in der eine alte Frau, geprägt vom einsamen Stadtleben, ein Mädchen um ihre Geburtstagstorte bringt – ganz schön gemein. Dass eine ebenso alte Frau, die ebenfalls Grund zu viel Bosheit hätte, auch anders kann, zeigt sich in der atmosphärisch ganz anderen Story „Engel der Gnade, Engel des Zorns“ von Ethan Canin. Sehr sonderbar, ein wenig märchen- und rätselhaft ist dagegen „Wende“ von Lynda Sexon, wo es um die Dünnhäutigkeit geht und drei merkwürdige Damen ihren Auftritt haben. In der Kurzgeschichte „Für immer ganz oben“ von David Foster Wallace, genauso übrigens wie „Am Rande des Meeres“ von Claire Keegan, geht es um das Thema Pubertät bzw. Erwachsenwerden und um den berühmten Sprung ins kalte Wasser. Herausragend ist allerdings eine Geschichte von Raymond Carver. „Das Bad“ handelt von dem Unfall eines Kindes, für das ebenfalls eine Geburtstagstorte – der häufigste Gegenstand in diesem Band – vorgesehen ist. Carver gelingt es, mit dem geschickten Einsatz von einfachen Begenbenheiten, eine ungeheure Wirkung zu erzeugen. Hier zeigt sich ein Meister seines Fachs. Besonders schmerzhaft ist dabei allerdings die Ungewissheit, die den Leser um den Ausgang der Story plagt, was aber einen ungeheuren Nachklang erzeugt. Das Thema Liebe und Sex berühren die beiden Geschichten „Das Geburtstagsgeschenk“ von Andrea Lee und „Das Würfelspiel“ von Paul Theroux, die ebenfalls lesenswert sind.
Den Abschluss macht schließlich „Birthday Girl“ von Haruki Murakami, in der es um das Wünschen geht, und mit dem sich Murakami selber ein hübsches Geschenk macht.

Kurz, konventionell und unterhaltsam

Die allesamt konventionellen Kurzgeschichten geben einen schönen Ausschnitt aus dem derzeitigen Stand dieser Erzählform im (von Murakami einmal abgesehen) englischsprachigen Raum. Ihren fast durchweg hohen Unterhaltungswert beziehen sie aus einem ausgefeilten Kalkül, das stets auf die emotionale Beteiligung des Lesers setzt. Selbst in den Geschichten, besonders in „Wende“, wo die Lektüre ein paar Rätsel aufgibt, sind diese niemals Selbstzweck, sondern geben munter Anregungen zum selbstständigen Weiterdenken. Insgesamt ist jede Geschichte eine kleine Perle, die dazu beitragen kann, sich zum Thema Geburtstag selber einmal Gedanken zu machen, und so mag die Sammlung auch selber als schönes Geburtstagsgeschenk dienen. Außerdem macht sie Lust auf mehr, besonders auch auf den Herausgeber und Autor Murakami selbst. Übrigens ist kürzlich erst ein Buch über ihn erschienen, in dem man sich, jenseits seiner vielen Romane, weiter informieren kann.

Frank Kaufmann


Haruki Murakami: Birthday Stories.
Ausgewählt und mit Einleitungen versehen von Haruki Murakami,
Köln: Dumont 2004,
Gebunden. 192 Seiten, EUR 19,90.
ISBN 383217897X

Näheres zum Autor unter www.DuMontLiteraturundKunst.de sowie: Jay Rubin: Murakami und die Melodie des Lebens. Die Geschichte eines Autors, Köln: Dumont 2004, 382 Seiten, ISBN 3832178708, EUR 23,60

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