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Peter Handke: Mündliches und Schriftliches

16.02.2004

 



Drei und mehr Fragezeichen




 

Man mag sich über Peter Handkes merkwürdige, insichselbstgehende Ansicht zu den Kriegen zwischen Serben und Kroaten wundern. Man mag dem Autor Handke mangelnde Nah- und Weitsicht attestieren angesichts der von Serben dahin gemordeten Menschen und sein Schreiben darüber als Mangel an Aufklärung und objektiver (?) Distanz diskreditieren. Eines muss aus Klarsicht anerkannt werden: Peter Handke versteht sein Sprachgeschäft, von damals bis heute.

Nach den „gesammelten Verzettelungen“ unter dem Titel „Langsam im Schatten“ von 1992 präsentiert Peter Handkes neues Schreibkonvolut seiner lesenden Gemeinde zehn Jahre einer Zweitwelt - einer Zweitwelt, die sich vom Geschriebenen und Gesehenen zum Beschriebenen, zu einer addierten Gegenwart entwickelt. Schon immer war Handke ein Filmbetrachter, der die bewegten Bilder einer Sezierung aus unglaublichen Perspektiven unterzieht. Schon immer war Handke ein Buchleser, der, oft in vergangenen Literaturwelten, großartigen Schriftstellern eine kaum wahrgenommene Bedeutung bescheinigt. Also gibt es sie auch in diesem Sammelband wieder: Hermann Lenz und Karl Philip Moritz, Georges-Arthur Goldschmidt und Arnold Stadler. Und es gibt, wieder, Jean-Marie Straub/Danièlle Huillet und Marguerite Duras, Anselm Kiefer und Emil Schumacher.

„Jean-Marie Straub und Danièle Huillet haben anscheinend über drei Jahrzehnte nichts dazugelernt, sie verharren auf der Elementarstufe des Machens und des Montierens von Bildern und Tönen.“ Das trifft auch auf Peter Handke zu, ohne dass diese auf den ersten Blick wenig schmeichelhafte Wahrheit seinem Anliegen und seiner Sprachkunst schadet. Er steckt tiefwurzelartig in den Filmen der sechziger Jahre, und doch: beide Füße auch in „Timecop“ und „True Lies“. Er wirft auf: Fragen um Fragen, und beantworten kann/mag er sie nicht. Das zeigt, dass Handke kein allwissender Alchimist ist, der aus dem Kaffeesatz der Filmkultur die aufklärenden Schlüsse zieht. Er hat keine Scheu, selbst entwickelte Fragen nicht zu beantworten, weil er die Antworten einfach nicht weiß. Aber er weiß, die richtigen Fragen zu stellen.

Ein Beobachter, ein Seher, ein Merker: Peter Handke zeigt auf eine Welt, die manchmal nicht die unsere, also auch nicht die seine, zu sein scheint. Aber immerhin: sie ist, die Welt. Peter Handke macht den Versuch, sie in Nuancen zu erklären.

Textprobe:

„Schrecklich? Sonderbar? Ungeheuer? Erstaunlich? Wunderbar? Unfassbar? Unerschöpflich?“


Klaus Hübner

 


Peter Handke: Mündliches und Schriftliches. Zu Büchern, Bildern und Filmen. Suhrkamp 2002. Gebunden. 166 Seiten. ¤ 19,90. ISBN 3-518-41348-1.

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