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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:09

 

Oswald Egger: Prosa, Proserpina, Prosa

31.01.2005

 
Die Florealität der Sprache

Ein ungebundener Strauß Asphodelen vom Anger des Achilles, ein Ausflug durch weite Wörterwiesen voller unbekannter, seltener, hell leuchtender Blüten: ein Loblied des poetischen Wildwuchses und der wuchernden Wortfindungen.

 

Zwei Routen durch das Buch von Oswald Egger: ein Itinerar am Anfang, ein Inhaltsverzeichnis am Ende. Zumeist zwei Textblöcke, nebeneinander stehend (einer unterbrochen, der andere fließend). Der Leser wie Penelope webend, auftrennend, webend... Vielfältige Lektüremöglichkeiten. Wie bereits in den beiden anderen bei Suhrkamp erschienenen Bänden Herde der Rede (1999) und Nichts, das ist (2001). Der Autor wie ein Alchimist immer neu die vorhandenen Substanzen zusammenfügend. So etwa in "Stumm", dem Sprechstück, für das Egger den Karl-Sczuka-Förderpreis 2004 erhielt: ein Gewebe verschiedener Texte aus Prosa, Proserpina, Prosa.

Das Personal (unter anderem):
Achilles: Ich und Alles
Homer: der Schild des Achilles
Zenon von Elea: Achilles und die Schildkröte
Vergil: Aeneas bei der Sibylle von Cumae
Petrarca

Die Szenarien (unter vielen):
An Skamandros und Styx, wo Achillea und Asphodill blühen
Hänggärten und Quasi-Rosarium
Der Mont Ventoux

Wortfindiger noch als zuvor. Unlilien für Trisel-Fog-Monate. Wörter, die ihre Geschichte offen legen oder – Troja gleich – ausgegraben wurden. Dazwischen gelegentlich unerwartet einschießende Gegenwart: Swaps und Chips, Futures und Warrands (kein Druckfehler!). Meist jedoch seltene oder selbst gezogene Sprachblüten, auch mal rund uns Jahr rankend ("Hänggärten"). Naturlyrik ohne Sentimentalität oder Behäbigkeit. Kurzum (im Pastiorenton): Egger ist eine betörend schöne, dem Deutschen verwandte Sprache (mit frankolateinangloitalienischen Anleihen (um nur die wichtigsten zu nennen)). Der Ton macht dabei das Gedicht. Vom Hörensagen zum selber sagen hören (beim Lesen).

Homologie der Vorgänge: die Lust am poetologischen Paradox. Das verschwiegene Gedicht. Ist die Mutter der Erde die Tochter der Rede? Wie wird etwas aus nichts? Wer geht vor, der frühere oder der spätere? Diese und weitere Fragen, nur Zwischentext im lyrischen Blütenmeer. Lieber gleich Petrarca folgen: "Irgendwo, ganz ohne Überlegung, beginne ich den Einstieg (schon sooft)." Zunächst einmal reine Aisthesis, botanisieren bringt später ebenfalls reichen Ertrag (wenn die vielgestaltige Pflanze dabei nicht in eindeutige Kategorien gepresst wird). Einfach ein Narr sein wie Eggers Herrgott, der nichts in Beete teilt. Den Überfluss genießen statt ihn einzudämmen. Aus dem November:

     Ich bin im Efeu des Feuers, Brennesseln überschatten Melter und Ernte.
     Weißnicht-Salbe Schwaden und Seggenmeer-Schebeke Rauchmelden.
     Im labilen Nebel, Vogelleim die Beiz-Wirtel der Prasselblatt-Milben.
     Kohlraben im Bindbast der Vorhofrufe, nun ist die Arbeit fast getan.

Keine Wortspiele, sondern eine beinah barocke Wortschau. Zeigen, was die Sprache zu bieten hat. Aufbietet. Aus Verbarien gezogen, entlang der Menzwässer, im Apfel-Lilien-Geviert spaziert und mit Holundermark und Beutelharz versetzt. Nicht stilzitierend oder heiter-grotesk, vielmehr aus eigenem Stil gewachsen, prachtprunkend. Ungläubiges Staunen darüber, welche immensen literarischen Landschaften hier erschlossen werden. Lesen als sprach- und literaturhistorische Blütenlese.

Nach Stanzen und Oden in den vorhergehenden Bänden nun nochmals neue Formen. Prosa? Lyrik? Meist strenger Zeilenstil im oberen Textblock, zumindest grammatisch: ein Satz, eine Zeile. Vollständiges findet sich selten, häufiger hingegen Satzabbrüche und Fragmentarisches. Beetreihen im Quasi-Rosarium. In Zeilen gefrorene Wörter. Zuweilen setzt der Satz über den Punkt hinweg (in der Mehrfachbindung dem pulinischem wührsinn vergleichbar):

     Guipuren fingerbreiter Schärpen von der rechten Schulter, die verlauften.
     In linker Hüfte, zufolge sieht man ihre streifenförmige Verbrennungen.
     Spiralförmig einen Arm umlaufen, einstweilen eigentümliche Formen.

Unten hingegen prosaischer Blocksatz und proserpentinender Satzbau. "Die wenigen, die was davon erkannt": Oswald Egger gehört mit Sicherheit dazu.

Carsten Schwedes


Oswald Egger: Prosa, Proserpina, Prosa.
Suhrkamp Verlag, 2004.
TB. 192 Seiten. 9,00 ¤.
ISBN 3-518-12392-0

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