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Maurizio Maggiani: Die Liebe ist ein Schwindel.

14.02.2005

Wen die Liebe schlägt

Maurizio Maggiani spürt in seinem zweiten auf Deutsch erschienenen Buch den unterschiedlichen Spielarten der Liebe nach. Seine kurzen, autobiografische Züge aufweisenden Geschichten haben eines gemeinsam: die Erinnerung an einen Rausch der Gefühle, der kein Happy End kennt.

 

Die Liebe ist ein Schwindel, ein Taumel, der einen plötzlich überfällt, eine Krankheit, die die Sinne verwirrt, ein Benommensein, bei dem der Boden unter den Füßen zu schwanken scheint und die vertrauten Wahrnehmungsmuster durcheinander geraten.

Die Liebe ist ein Schwindel, ein Betrug, dem man aufsitzt, eine Täuschung, auf die man in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit hereinfällt, eine Irreführung, der man ein Stück weit folgt, um dann festzustellen, dass man vom vernünftigen Weg abgekommen ist.

Die Liebe ist ein Schwindel – in den kurzen Erzählungen von Maurizio Maggiani, für die er den Italienischen Literaturpreis "Scrivere per amore" erhielt, wird schnell klar, welche der beiden gegensätzlichen Auffassungen hier im Zentrum steht. Immer geht es um das große Gefühl, um den unwiderstehlichen Rausch, der das gesamte Leben in einen Taumel hineinreißt, aus dem man völlig verändert wieder hervorkommt. In diesen Geschichten gibt es keinen Zweifel an diesem Gefühl, sondern höchstens einen Zweifel der männlichen Protagonisten an der Fähigkeit, sich den Gefühlen völlig hinzugeben. Ein beinahe religiöser Glaube an die Liebe durchzieht dieses Buch, der so weit reicht, dass in einer Erzählung das Leben der Hauptfigur, seiner Geliebten und deren Kind parallelisiert wird mit Episoden aus dem Leben der Heiligen Familie.

Die Liebe ist ein Schwindel, dem man sich vorbehaltlos hingeben muss – das behauptet zumindest Maggiani in einem Interview. Seine Liebesgeschichten setzen dies auch beim Leser voraus. Andernfalls könnte die Sprache zu sentimental, bisweilen auch zu pathetisch erscheinen und eine Geschichte wie die über einen fünfjährigen Jungen, der bei einer Schnulze im Kino zu weinen anfängt und dieses Lied sein Leben lang nicht vergisst, als bloßes Rührstück wirken. Wer sich auf diese empfindsamen Erzählungen einlassen kann, mag an diesen häufig auf Zehenspitzen und mit einem einfühlsamen Blick für unauffällige Details geschriebenen kurzen Texten seine Freude haben.

Die Liebe ist ein Schwindel, der bei Maggiani nicht nur die Beziehungen von Mann und Frau heimsucht, sondern auch in ganz anderen Facetten auftreten kann. Da ist die Liebe eines Mannes zu seiner Tochter oder seinem Sohn, die Liebe zum Kino und zu Filmstars oder der Gier einer alten Katzenjungfer nach männlichen Achselhöhlen. Es sind die Momente, in denen Menschen aus der Reihe tanzen und Dinge tun, die sogar ihnen selbst eigenartig erscheinen, um die es Maggianis Geschichten immer wieder geht.

Die Liebe ist ein Schwindel, der in Maggianis häufig autobiographische Züge aufweisenden Erzählungen nicht alles in einer rosaroten Wolke verschwinden lässt, sondern auch den Blick für Details schärft und Erinnerungen wieder aufscheinen lässt. Die Passagen über seine Kindheit im Magratal sind liebevolle Milieustudien, in anderen Erzählungen karikiert er eine erdrückend fürsorgliche Witwe aus der Nachbarschaft des Erzählers oder skizziert die Tristesse eines städtischen Gewerbegebiets. Auch zeitgeschichtliche Ereignisse werden mit einbezogen, wie in der mit Abstand längsten Erzählung, in der – neben der obligatorischen Liebesgeschichte – auch die Entwicklung des Erzählers vom anarchistischen Studenten bis zum reiferen Mann geschildert wird, der Angst hat, bei der Teilnahme an den Demonstrationen gegen den Weltwirtschaftsgipfel in Genua auf seinen Sohn zu treffen, der sich für eine Laufbahn als Polizist entschieden hat. Alle diese Bilder bleiben jedoch nicht kühl-distanziert, sondern strahlen einen emotionalen Glanz aus, der alle Geschichten Maggianis verklärt.

Carsten Schwedes


Maurizio Maggiani: Die Liebe ist ein Schwindel.
Liebesgeschichten. Aus dem Italienischen übersetzt von Egon Günther.
Edition Nautilus, 2004.
160 S. 14,90 ¤.
ISBN 3-89401-442-3

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