Ganz bescheiden großmäulig untertitelt Max Goldt seine Textsammlung aus fünfzehn Schriftstellerjahren mit: „Die prachtvollen Texte von 1988–2002“. Bei einem Vielschreiber wie Max Goldt erscheint das fast als zwingend logische Folge seiner Popularität und seines Fleißes –denn seine Produktivität in dieser Zeitspanne war enorm; davon zeugen viele Beispiele und nur wenig Unveröffentlichtes. Manches hat er überarbeitet, fortgeführt, gekürzt. Doch überall dringt der wahre Goldt durch, der sehr genau beobachtet und hinhört.
Und genau das ist das eigentlich frappierende an seinen Texten: Man kommt sich oft ertappt vor, aus der Anonymität der Masse, die ja auch nicht anders handelt und denkt und spricht, herausgehoben und als abschreckendes Beispiel angeprangert.
Großer Fabulierer und sprachgewaltiger WorterfinderDer große Fabulierer und sprachgewaltige Worterfinder outet sich als ein genauer Beobachter. „In der Duz-Falle“ etwa ist ein köstliches Stückchen blanker Ironie und sie funktioniert fast wie ein Duz-Knigge für unsichere Zeitgenossen auf gesellschaftlichem Parkett.
Ja, und das Schmökern. In der umfangreichen Sammlung herumblättern, lesen und sich festbeißen, das ist eine Bereicherung sonstiger dickleibiger Lektüre. Guten Gewissens das Buch einmal für mehrere Tage weglegen und dann wieder eintauchen in den Buchstabensalat. Tagebucheinträge und Köstlichkeiten wie die beiden Texte „Österreich und Schweiz“ und „Kölner und Düsseldorfer“ vertreiben schnellstens die Zugluft, die man sich vielleicht am offenen Fenster einfängt.
Schmökern, lesen, sich festbeißen
Max Goldt kann aber auch, und das scheint kalkuliert zu sein, auf den Senkel gehen, weil er permanent seine Wisserei als Nonplusultra des Bildungsergebnisses sich bemühender Gymnasiallehrerkollegien darstellt. Doch halt! Wer da schreit und zetert, wird schnell erkennen, dass Goldt an dieser Stelle nicht den Besserwisser hervorkehrt, sondern lediglich der Deutlichkeit wegen erläutert und belehrt. Wunderbare Wahrheiten finden sich auch. Etwa diese
Textprobe:
" Throni: Ja, es hat so fein gebrannt, dass man sogar Matthieu Carrière ertragen konnte, gegen dessen Blasiertheit ja sogar die von Klaus Maria Brandauer verblassen würde. All diese eitle Präzision des Blicks, diese grauenvolle Hyperpräsenz und -prägnanz.“
Klaus Hübner
Max Goldt: Für Nächte am offenen Fenster. Rowohlt 2003. Gebunden. 510 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-498-02496-5