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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:12

 

J. J, Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

21.04.2005


Vom Schein und Sein

“Das Geheimnis des Fahrradhändlers” von Sempé handelt von einem, der vorgibt, ein anderer zu sein, um geliebt zu werden.

 

Irgendwoher kennt man sie: Die Figuren des französischen Karikaturisten Jean-Jacques Sempé bevölkerten zunächst zahlreiche Magazine, darunter den legendären ”New Yorker“, um anschließend in René Goscinnys Kindergeschichten ”Der kleine Nick“ oder Patrick Süskinds Novelle ”Die Geschichte von Herrn Sommer“ die Herzen der Leser zu erobern.

In ”Das Geheimnis des Fahrradhändlers” stammen jedoch nicht nur die Zeichnungen aus der Feder des Franzosen, sondern auch die Erzählung selbst. Hauptperson darin ist Paul Tamburin, Fahrradhändler und Lebenskünstler, der nach außen hin ein glückliches und zufriedenes Leben führt. Dass es sich dabei um ein Trugbild handelt, weiß nur er selbst, denn Tamburin trägt ein Geheimnis mit sich herum, das schwer auf seiner Seele lastet: Er, der sich wie kein anderer mit Gangschaltungen, Reifen und Zahnkränzen auskennt, ist nicht in der Lage, sich mehr als ein paar Sekunden auf einem Fahrrad zu halten.

Um dem Spott seiner Mitmenschen zu entrinnen, mimt Tamburin seit seiner Kindheit den Spaßvogel und hat ausgerechnet den Gegenstand zu seinem Fachgebiet gemacht, dem er nicht nur zahlreiche Schrammen und Beulen verdankt, sondern auch das „innere Ungleichgewicht“ in seinem Leben. Nach einem missglückten Versuch, sich seiner Jugendliebe anzuvertrauen, ist dem Helden der Geschichte keine Anstrengung zu groß, sein gut gehütetes Geheimnis weiterhin für sich zu behalten.

”Das Geheimnis des Fahrradhändlers” ist eine einfache Geschichte mit philosophischem Hintergrund. Es handelt von einem, der vorgibt, ein anderer zu sein. Von einem, der eine geschönte Version von sich selbst spielt, um von seinen Mitmenschen akzeptiert und bloß nicht ausgelacht zu werden. Paul Tamburin steckt in einer Rolle, die ihm nicht nur von seiner Umwelt zugewiesen wurde, sondern die er sich zum Teil selbst ausgesucht hat. Dieses Spiel geht so lange, bis er eines Tages die Kontrolle über sein Leben verliert. Seine Rolle verselbständigt sich und er muss letztendlich die Konsequenzen dafür tragen.

Doch Sempés Fahrradhändler ist auch einer, der Glück im Unglück hat: Trotz seines Doppellebens findet er die Frau fürs Leben, mit der er eine Familie gründet, und darüber hinaus einen besten Freund, dem er schließlich doch sein Geheimnis verraten kann. “Das Geheimnis des Fahrradhändlers” stimmt nachdenklich, da man sich als Leser fragt, ob es im wirklichen Leben nicht doch mehr Menschen wie Tamburin gibt, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Optimismus des Autors, der die Geschichte ein gutes Ende nehmen lässt, sorgt jedoch dafür, dass das Buch mehr zum Glücklichsein denn zum ausgiebigen Philosophieren anregt.

Jean-Jacques Sempé hat mit diesem kleinen aber feinen Werk bewiesen, dass er nicht nur zeichnen, sondern auch Geschichten erzählen kann. Und sollte letztere dem einen oder anderen nicht tiefgründig genug sein, kann er sich immer noch an den unvergleichlichen Illustrationen des Zeichners erfreuen.

Helena Schneider


Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers
Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Patrick Süskind
Diogenes, Zürich, 2005
Gebundene Ausgabe, 104 S., EUR 16,90
ISBN: 3-257-06473-X

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