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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:12

 

Banana Yoshimoto: Eidechse

25.04.2005

Hoffnungen
Ein junger Mann, der bei dem Gedanken an die gemeinsame Wohnung, in der seine Frau auf ihn wartet, Beklemmungen bekommt und lieber in der Metro sitzen bleibt, anstatt an der richtigen Haltestelle auszusteigen, wird auf merkwürdig übersinnliche Art und Weise von einem zu einer wunderschönen Frau verwandelten Penner getröstet und wieder auf den richtigen Weg gebracht – Banana Yoshimotos neue Erzählungen stecken wieder voller einfallsreicher, ungeahnter Wendungen und Geheimnisse.

 

In gewohnter Manier beschreibt Yoshimoto das Leben junger Menschen in Tokio, in das – vorausgeahnt oder nicht – Veränderungen treten, die den Blick sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft verändern. In sechs Erzählungen gibt sie Einblick in die Hoffnungen, die Verzweiflungen, die Perspektiven ihrer Protagonisten; durch alle Erzählungen zieht sich eine grundlegende Traurigkeit, die immer plausibel bleibt. Fast alle ihrer Protagonisten haben eine traumatische Kindheit oder Pubertät hinter sich und stehen nun an der Schwelle einer größeren Entscheidung, nachdem sie sich in einem neuen räumlichen oder emotionalen Umfeld niedergelassen haben.

Glückssteine und harte Realität

In Banana Yoshimotos neuem Erzählband "Eidechse" geht es immer um zwei Menschen, die sich auf mysteriöse Art und Weise zueinander hingezogen fühlen und sich immer darüber bewusst sind, dass sie trotz aller Alltags- und Persönlichkeitsprobleme gemeinsam das Leben meistern können. Übersinnliches – etwa das Anfertigen von persönlichen Glückssteinen – wird dabei genauso gekonnt in Szene gesetzt wie die harte Realität, z.b. das Treffen mit der Frau des verheirateten Geliebten. Lebensweisheiten werden schlicht verpackt und gewinnen dadurch an Authentizität und Wahrheit.

So wie Yoshimotos Protagonisten angreifbar, verletzlich sind, ist es auch ihre Erzählweise. Da wird ab und zu tief in abgegriffenen Wörtern wie Tränen, Liebe, Hoffnung, Verzweiflung gewühlt, aber gerade das macht ihre Erzählungen so sympathisch, nachvollziehbar und warmherzig. Yoshimoto fühlt sich intensiv in ihre Figuren hinein, beschreibt sie mit all ihren alltäglichen und manchmal geheimnisvollen Sorgen und hebt sie damit auf ein plastisches, exemplarisches Niveau. Gleichzeitig bringt sie uns die japanischen jungen Erwachsenen ein bisschen näher – die genauso atomisiert und suchend zu leben scheinen wie die europäischen. "Eidechse" ist ein neues typisches Yoshimoto-Buch, das wieder einmal das erstaunlich sensible und genaue Erzähltalent der Autorin unter Beweis stellt.

Katharina Bendixen



Banana Yoshimoto: Eidechse
Aus dem Japanischen von Anita Brockmann und Annelie Ortmanns
Diogenes, 2005
Gebunden, 208 S., 18,90 ¤
ISBN: 3-257-06478-0

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