Bernd Lichtenberg: Eine von vielen Möglichkeiten...
09.05.2005
Mit besessener Präzision
Es ist sein erster Abstecher ins Literarische und der ist zu einem großen Vergnügen geworden: Bernd Lichtenberg, der mit dem Drehbuch zu "Good Bye, Lenin" seinen großen Durchbruch schaffte, bietet auf 126 Seiten ein buntes Allerlei an Geschichten an.
Gemeinsam haben diese Geschichten die nahezu besessene Präzision, mit der Lichtenberg gestochen scharfe Situationen präsentiert. Immer wieder werden Momente zerpflückt bis in ihre atomaren Bestandteile, fügen sich aber letztlich nach anderthalb Seiten wieder zu einem angenehm runden Ganzen. Geschichten, die so inhaltsreich und dicht sind, als hätten sie ein Dutzend Seiten. Jeder Satz, der, zugegeben, beachtlich lang, aber nie langweilig ist, viele Wörter umfasst, von denen nie eines auch nur unnütz ist, zeigt sich durchgestylt und in Form gegossen, gehaltvoll und dicht, dabei auch voller Komik und Witz, voller Sentimentalität und Liebenswürdigkeit. Ab und zu bis ins Skurrile abenteuerlich zugespitzt. Alles ist wohl berechnet und dosiert, aber nie berechnend und kalkulierend.
Die Welt in kleinen Geschichten
"An dem Tag, als der Fernseher implodierte ... und der Sturm die Fenster so gegen die Rahmen schlug, dass bei unseren Nachbarn der Hamster durch ein wirbelndes Stück Scheibe, das ihn an der Kehle traf, ein Ende fand, an dem Tag, als der Wind so stark war, dass es das Goldfischglas meiner Großmutter ..." Nein, der Satz ist noch nicht zu Ende, aber man kriegt nicht genug davon. Lichtenberg fantasiert, fabuliert und fasziniert, verpackt kleine Ereignisse, die die Welt bedeuten können in kleine Geschichten. Geschichten von seinen Cousinen, den Großeltern, dem Vater und der Mutter, Familiengeheimnisse. Es geht um Gefühle und Empfindungen, der Großen und Kleinen, Jungen und Alten.
Da erinnert er sich daran, als sein Bruder ihn zum Schwimmen schickt, weil dieser die neue Freundin "das erste Mal küssen wollte". "Während mein Kopf noch von den stundenlangen Vorträgen brummte, die er zu seinem Plan gehalten hatte, samt detailgenauer Beschreibung diverser Zungenpositionen bei gleichzeitigem entschlossenem Herantasten der rechten Hand an den Bikiniverschluß, schwamm ich ..." Nun ja, wie gesagt, auch dieser Satz dauert noch ein wenig, lässt aber begeistert Detail für Detail miterleben.
Literarische Petit Fours
Eines kann Lichtenberg bei seinem literarischen Debüt sicher nicht verbergen: seine Nähe zum Film, da ist stets der präzise Blick für die Szenerie, ein alles einbeziehender Blick, egal, was passiert, Fäden und Zügel hält er in der Hand. Straff und alles en miniature.
So sind die Geschichten literarische Petit fours, geradezu perfekt in Aufbau und Form, eigenwillig und individuell, was Zutaten und Komposition angeht, schnell gelesen, aber mit langer Erinnerung an den außergewöhnlichen Inhalt.
Barbara Wegmann
Bernd Lichtenberg: Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen. Geschichten.
Rowohlt 2005.
Geb. 128 S., 14,90 ¤.
ISBN 3-498-03923-7