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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:13

 

Quim Monzó: Die beste aller Welten

17.02.2004

 



Starke Romane in Pillenform




 

Zwei zehnjährige Jungen spielen Fußball, hauen sich so richtig ordentlich die Köpfe ein und da sagt der eine zum anderen: "Du Hurensohn". Was jeder von uns als eine, wenn auch etwas entgleisende, so doch letztlich aus der Situation entspringende Harmlosigkeit ansehen würde, ist für Quim Monzo der Beginn einer wunderbaren Erzählung, die, so kurz sie auch ist, als Visitenkarte dieses außergewöhnlichen Autors dienen kann.

"Da ich also die Bedeutung des Wortes Hure ganz genau kannte, wurde aus der Zusammensetzung mit dem Wort Sohn klar, dass nur eine Sache gemeint sein konnte: nämlich, dass Mutti eine Hure war." Die Gedanken des Jungen treiben aus wie Unkraut im Frühjahr, klar, der Nachbar "aus dem ersten Stock rechts, der immer so nett zu uns war", oder der Ladenbesitzer um die Ecke, "warum schenkte er mir Bonbons? Sie alle treiben‘s mit Mutti, etwa auch die Väter der Mitschüler? "O, wie ich darunter litt, dass mein armer Papi im Ungewissen lebte." Natürlich klärt sich nichts, aber auch gar nichts auf in dieser Geschichte, alles wird schlimmer, eskaliert unweigerlich, ohne bösen Willen, endet dramatisch. "Wein‘ nicht Mutti, ich hab dich trotzdem lieb."

Wie kommt es nur, dass man so herzlich und spontan lachen muss angesichts der Geschehnisse, dieses Lachen aber doch irgendwo von auch bedrückenden Gefühlen und Nachdenklichkeit begleitet bleibt? Das ist ganz sicher jene große Kunst, die Quim Monzó derart souverän beherrscht, als sei es eine spielerische Fingerübung. Er jongliert mit Dramatik, setzt Komik wie ein seltenes und teueres Gewürz, er dreht mutig die Welt einfach auf den Kopf. Mit diebischer Freude pickt er sich unscheinbare Alltagssituationen heraus, spitzt sie zu, lässt sie unweigerlich in höchste Absurdität und Skurrilität abdriften. Ja, natürlich, er ist berühmt für seine "Romane in Pillenform" über die "kleinen und großen Katastrophen des Lebens". Jede einzelne Geschichte in seinem neuen Buch wird zu einer Kostbarkeit, eine edle Pralinen-Mischung, bei der jede einzelne Köstlichkeit den Kauf der ganzen Packung wert wäre!

Da sind Mingo und Rosa, ein junges Paar, die in ihrem Chalet im Hochgebirge Urlaub machen. ‚Wenn du in der Nähe bist, schau doch mal vorbei‘, so ungefähr sagt Mingo es zu einem Kollegen und es ist wieder einer jener so unauffälligen Sätze unserer Alltagssprache, der hier zum brillanten Dreh- und Angelpunkt einer ganzen Erzählung wird.

Natürlich kommt der Kollege, und wie es das allseits bekannte, von hohlen Floskeln geprägte Kommunikationsproblem nun einmal so will, bleibt der Kollege, bleibt und bleibt, länger als es dem Paar lieb ist, aber niemand hat den Mut die Situation aufzulösen, die wiederum grotesk und komisch endet. "Wir sagen ihm, dass wir Besuch bekommen, deine Schwester und die Mädchen zum Beispiel... sie sollen kommen, aber nicht um uns einen Gefallen zu tun. Es ist ein Notfall."

Es sind immer irgendwie geartete menschliche Beziehungen, es ist das berühmte Zwischenmenschliche, das Monzó scharf beobachtet, skizziert, karikiert, variiert. Und das mit einer Fantasie, die so aktiv, kreativ und lebendig ist Bedeutungsloses wird zum Mittelpunkt, Bedeutendes zum Randaspekt, seine ganz besondere Art, Dinge und Menschen zu sehen und zu beobachten, verändert Dimensionen, Perspektiven und Wertigkeiten. All dem so Komponierten bringt man schnell Sympathie entgegen, es liest sich leicht, wie eine Melodie, deren Thema immer wieder auftaucht.

Quim Monzó ist ein richtiges Multitalent: Drehbücher hat er geschrieben, Comic- Zeichner war er, Grafikdesigner. Er hat als Übersetzer gearbeitet, Songtexte geschrieben und war Kriegsberichterstatter. Seine Bücher, übersetzt in viele Sprachen, haben ihn zum großen katalanischen Autor und ‚Erzählgenie‘ der Gegenwart gemacht. "Die beste aller Welten", das ist eine Anlehnung an Voltaires Candide und Kunigunde, jenes verzweifelte Liebespaar, das erst durch die besten und schlechtesten aller möglichen Welten muss, um den eigenen Weg zu finden.

Da liegen dann wohl auch hier die Aha-Erlebnisse für den Leser: Sinn und Unsinn menschlicher Existenz werden erst richtig deutlich und verständlich durch Übertreibung und Verfremdung. Quim Monzó schreibt so, dass es eine vergnügliche Sache ist, eigene Unzulänglichkeiten zu erkennen.

Barbara Wegmann

Zitat:

Indes mit der Zeit verdächtigte ich auch diejenigen, die überhaupt nicht nett zu uns waren, denn ich vermutete, sie taten nur so unfreundlich, damit ich und die anderen Kunden nicht merkten, dass sie sich heimlich mit meiner Mutter trafen und gegen Vorauskasse mit ihr vögelten. Zum Beispiel der Stockfischverkäufer. Ich hatte nie verstanden, warum wir bei diesem fetten, unsymphatischen Mann, eine Strasse weiter oben, einkauften, obwohl auf dem Markt ein richtig netter war. ...Der Schulrektor war ein weiterer dieser unsymphatischen Heuchler. Immer ganz streng, wenn wir zusammen in der Sprechstunde waren, um nicht zu zeigen, wie vertraut er mit Mutti war.



Quim Monzó: Die beste aller Welten. 13 Geschichten und ein kurzer Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 285 Seiten, 21,90 ¤. ISBN: 3627000978

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