Für Tim Krohn ist Heimweh die große Sehnsucht nach dem inneren Zuhause, der Ort, an dem die Träume ankommen. Das sind die Wurzeln, zu denen es jeden irgendwann wieder treibt, aber es ist auch dies: Der Heimweh verursachende Schmerz des Erwachsen Werdens, das Zurücksehnen nach der Kindheit, der elterlichen Geborgenheit, dem Schutz vor der rauen Welt, dem sich Anlehnen dürfen, nach der umsorgenden Mutter.
Bild um Bild sei wie aus Wolken herab gerieselt, so schreibt Tim Krohn im Nachwort zu seiner ersten Erzählung, „setzte sich ganz ohne mein Zutun zu einer Geschichte zusammen, die größtenteils an Orten spielt, die ich nie gesehen hatte.“
Genauso lesen sie sich denn auch: himmlisch leicht, von betörender Herzlichkeit und, ob lang oder kurz, mit ihrer ganz eigenen kleinen Seele.
Mit dem Topolino bis an die Cote D‘ Azur
Jens, 11 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter Josefa allein in Zürich. Seine Mutter ist in Stockholm aufgewachsen und hat seit ihrer frühen Jugend nur den einen großen Traum: mit einem Topolino an die Cote D‘ Azur. „...im Tessin geht ihr das Geld aus“, ein Autohändler wird zur flüchtigen Beziehung mit Folgen. Mutter und Sohn, das ist ein eingeschworenes Team, „gemeinsam sind wir unwiderstehlich“, Freund und Freundin, Geschwister. „Lilla Flicka,“ sagt die Mutter auf Schwedisch zärtlich zu ihrem Sohn, „kleines Mädchen“. Josefa will wieder zurück nach Schweden, hat auch schon einen Job und will Jens nachholen. Dann aber stirbt sie. Als Jens seinen Vater kennen lernt, fragt er: „Warum hast du ihr den Topolino damals nicht geschenkt?" Das ist wie ein Paukenschlag. Der heranwachsende Sohn, der so ausgeprägt den großen Traum der Mutter und ihre Trauer darüber, dass er nie wahr wurde, verstehen kann. „Es gibt Dinge, die tun so weh, dass man nicht einmal mehr weinen mag“
Land der Mutter vor den Russen retten
Eine Verknüpfung, aus der ein emotionales Pulverfass zu entstehen droht: die Sicht eines Heranwachsenden und die Psyche eines so viel Älteren, einer, der am Anfang steht, und einer, der das Ende fast erreicht hat. Ganz ähnlich in der zweiten Geschichte: hier ist es auch wieder ein junger Mann, Joggeli, aus einem Schweizer Grenzdorf, 16 Jahre alt, der von zu Hause ausreißt, um die Deutsche Armee 1944 an der Ostfront zu verstärken. Seine Mutter, die früh gestorben ist, war Deutsche. „Ich habe keine Angst, ich bin gekommen, um zu helfen, und ich will auch gern sterben.“ Fest entschlossen ist er, das „Land seiner Mutter“ vor den Russen zu retten, selbst wenn er im Herzen auch viel lieber Gedichte schreibt. Fasziniert von Parolen fällt er der herrschenden Ideologie anheim, fühlt sich als "selbst ernannter Kriegsheld".
Da möchte man aufhören zu atmen, so erschreckend dicht liegen liebenswert naive Absichten und das Kinder verschlingende, mörderische Regime beisammen. Den Rest für Gänsehaut und eiskalten Schauer gibt die so federleichte Erzählweise, als ginge es um Banales und Belangloses.
Lebensweisheit gratis dazu
So kommen die drei sehr empfehlenswerten Geschichten mit einer entwaffnenden Offenheit daher und präsentieren Gefühle pur: Schmerz, Komik, Tränen und Trauer, Sehnsucht und immer wieder Heimweh. Sehr liebevoll beschreibt Tim Krohn seine jungen Helden, fast zärtlich skizziert er sie, einfühlsam und verständnisvoll.
„ Das Glück muß man sich schaffen, von selbst kommt nur das Unglück“ - ein Stückchen Lebensweisheit gibt es so für den Leser noch gratis dazu.
Barbara Wegmann
Tim Krohn: Heimweh.
Marebuchverlag, 2005.
Gebunden, 190 S., 18 ¤.
ISBN: 3936384185.