„Es ist so, als würde ich eine Kiste schließen, eine Kiste voll von altem, sinnlosem, wundervollem Zeug, und im letzten Moment fiele mir etwas ein, ein einziger, winziger Gegenstand auf dem Boden der Kiste, zuunterst, und ich würde die Kiste noch einmal öffnen und alles wieder herausholen...“- vielleicht umschreibt dieser Satz aus einer der sieben neuen Erzählungen am ehesten die feine, hoch sensible Art Judith Hermanns, Geschichten zu schreiben und zu erzählen: ein Gedanke aus ihrer Fantasie, aus eigenem Berliner Erleben, ein Fetzen Erinnerung, eine Vision, Begegnungen. Wie eine Zelle, die sich vermehrt, wächst, Gestalt annimmt, unverwechselbar, einzigartig.
Eine Perle nach der anderenOb es schwer gefallen sein mag, die letzte Seite für dieses neue Buch zu schreiben? Denn wie, so fragt man sich schließlich, kann eine so exzellente, talentierte und einfach wunderbare Geschichten-Erzählerin jemals aufhören zu erzählen? Oder ist es nur der Leser selbst, der derart gebannt, gespannt, süchtig und sehnsüchtig auf weitere so in eine andere Welt versetzende Geschichten wartet? Wie auch immer: das Buch ist ein hochgradiger Genuss, es fasziniert, wie schon lange kein Buch mehr fasziniert hat. Judith Hermann ist eine seltene Muschel im Treibgut der weiten Bücherschwemme dieses Frühjahres. Jede Erzählung gleicht einer schillernden Perle mit ganz eigenem Charakter. Das Warten auf ihr neues Buch hat sich mehr als gelohnt. Mit „Sommerhaus, später“ war sie bereits 1998 schon d i e literarische Entdeckung schlechthin und wurde mit Preisen überhäuft.
Beziehungen sind ihr DingEs ist nie die große Handlung, die ihre Erzählungen bestimmt, selten ein Szenenwechsel, oft Rückblenden, manchmal sind es Fotos, an denen die Gedanken sich rückwärts hangeln. Aber die Welt, die Judith Hermann in ihren Figuren freilegt, vorsichtig, wie ein Archäologe einen antiken Schatz, diese Welt ist ja um so viel spannender und fesselnder als ein Krimi es je sein könnte. Beziehungen, das ist ihr Ding: Beziehungen zwischen Paaren, Freundinnen, zwischen Mann und Frau, das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern. Hier schreibt sie in so nüchternen und zurückhaltenden Sätzen, dabei aber derart gefühlvoll, tiefgehend und voller Melancholie, dass es stellenweise weh tut, es zu lesen.
„Ich rechne täglich mit dem Verschwinden meiner Eltern“, sagt eine junge Frau besorgt, die gerade ihre Eltern in Venedig besucht. „Ich vergesse, dass sie schon jetzt alt sind, ... wir haben noch Zeit, ich verliere mein Zeitgefühl.“ Wehmut, Schuldgefühle, Liebe und vorprogrammierter Abschied, wie von der Stadt, die irgendwann versinken wird. „Alle Erinnerung scheint mir traurig zu sein.“ Eine schmerzlich- schöne Erzählung.
Die Orte, an die Judith Hermann den Leser entführt, sie haben etwas Magisches, Verträumtes, zwischen den Menschen, die sich dort aufhalten „geschieht“ etwas, „sie stehen nicht auf festem Boden“, Gefühle wechseln von einem zum anderen, „leicht wie eine Feder, eindeutig und ohne Schmerz, das ist das Schrecklichste, absolut schmerzlos.“
Ja, natürlich, es ist so, sagt man sich an so vielen Stellen des Buches, das habe ich auch so schon empfunden, und es wird zur Lust, derart versteckt Gefühltes, verborgen Beweintes in derart wunderbaren Sätzen wieder zu finden, als fände man in sich selbst verloren Gegangenes endlich wieder. Grandios, obgleich: an den Sätzen, den Formulierungen ist doch eigentlich so gar nichts Besonderes, nichts Kompliziertes, nichts Gedrechseltes, einfach nur Gesagtes, Erzähltes, ehrlich Gesagtes, so und nicht anders Empfundenes, konsequent. Das ist es wohl. Das ist wohl das Geheimnis.
„Ich kann nicht aufhören zu denken, dass ich irgendwann und vielleicht schon bald jemandem die nächste Geschichte erzählen werde, eine Geschichte über Dich.“
Barbara Wegmann
Judith Hermann: Nichts als Gespenster. Erzählungen. S. Fischer Verlag, 10,-- ¤. ISBN: 3596223946