L. Robinson: Der Taucher und andere Geschichten...
01.08.2005
Frostig
Die Erzählungen des Amerikaners Louis Robinson sind geprägt von Meer und Kälte.
In Lewis Robinsons Geschichten ist es fast immer kalt. Oft ist es sogar sehr kalt bis eisig. Woran liegt das? Am Ort des Geschehens, Maine, einem der nördlichsten Bundesstaaten der USA, der an Kanada grenzt? In Point Allison, einem fiktiven Kaff an der Küste von Maine, spielen alle Storys, und dass hier Eishockeyspieler zu Protagonisten werden oder dass Verfolgungsszenen in Schneewehen enden, ist sicher alles andere als Zufall.
Kalt sind aber auch die Sprache und der Stil Robinsons. Beides erinnert stark, gelegentlich zu stark, an Raymond Carver, den Meister der amerikanischen Short Story. In der Vater-Sohn-Geschichte „Die Fahrt“ klingt das dann so: „Alden weiß nicht mehr, wann er sich einsam zu fühlen begann. Das ist still und heimlich vor sich gegangen.“
Auch die Story „Der Trinkspruch“, in der ein junger Mann auf einer Party aufgefordert wird, den Gastgeber zu erschießen, könnte man stilistisch und inhaltlich Carver zuordnen, wären da nicht einige narrative Schnörkel und vor allem die für Robinson typischen Bezüge zum Meer.
Ob es die elegant in Dialogform gebrachte Geschichte Maines als Tannenholzlager französischer Piraten ist oder die Bedrohung, die immer wieder in der Figur des Tauchers aufscheint – geht es ans, ins oder unter Wasser, so ist Robinson in seinem Element. So konventionell die Themen seiner Storys (Liebe, Freundschaft, Trennung, Erwachsenwerden, Verlust, Ängste bzw. ihre Überwindung) auch sein können, so außergewöhnlich sind die Orte, an denen sie in Szene gesetzt werden.
In „Eiderenten“ bricht der schon lange schwelende Konflikt zwischen Vater und Sohn mitten während der Entenjagd im Ruderboot aus. (Dabei sagt der Vater so schöne Sätze wie: „Du betrachtest mich als alten Mann, und das bin ich auch. Mir ist klar, dass ich anders aussehe als du. Aber du verstehst nicht, dass ich mich nicht daran erinnern kann, alt geworden zu sein. Ich fühle mich noch genauso wie du.“) In „Der Rand des Waldes und der Rand des Meeres“ ist es eine Brücke, die zum Spiel auf Leben und Tod einlädt und damit eine Freundschaft und eine Liebe prüft.
Woran aber liegt es denn nun, dass Robinsons Geschichten auch jenseits geografischer und stilistischer Einflüsse so frostig wirken? Vielleicht daran, dass er auf Mehrdeutigkeiten und Symbole weitgehend verzichtet. Endlich einmal ist das Meer nicht als Bild zu verstehen und auch seine Figuren und ihre Umgebung stehen fast immer nur für sich selbst. Das ist nicht viel; da kann einem schon mal kalt werden.
Maik Söhler
(Beitrag ersterschienen in der Kölner Stadtrevue)
Lewis Robinson: Der Taucher und andere Geschichten aus Maine.
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel.
Luchterhand, München, 2005.
Gebunden, 256 S., EUR 18,00.
ISBN 3-630-87178-X.